Wolfgang Stützels rechtsinstitutionalistische Wurzeln. Fabian Lindner im ANEP-Talk

Fabian Lindner ist einer der wenigen Nachwuchsökonomen, die Wolfgang Stützels Werk in Deutschland wieder etwas bekannter gemacht haben und auch in den englischsprachigen Raum hineinzutragen versuchen.

Wir unterhalten uns hier in unserem ersten Gespräch mit Fabian v.a. über Wolfgang Stützels intellektuelle Wurzeln im amerikanischen Rechtsinstitutionalismus von John R. Commons („Legal Foundations of Capitalism“, 1924; „Institutional Economics“, 1934), der auch für uns zentral ist. Diese Wurzeln finden sich in Stützels 1952er Dissertation, „Preis, Wert, Macht“ (Aalen 1972; vgl. S. 292, 139,100, 86, 68, 65, 52, 2). Stützel entwickelte dort, „dem Vorbild von J.R. Commons folgend“ (S. 139), eine auf einer allgemeinen ökonomischen Machttheorie beruhende Preistheorie. Ein Jahr später stellte er dann in seinem „Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft“ erstmals den Anschluß des Rechtsinstitutionalismus an die „reine Ökonomie“ (BWL und VWL/Makroökonomie) her – und zwar systematisch, über die doppelte Buchhaltung.

Wir besprechen mit Fabian v.a. die privat- und öffentlichrechtlichen Fundamente der doppelten Buchhaltung, die – entgegen der universalistischen Annahmen der Ökonomen und Juristen – nur in einem kleinen Teil der Welt tatsächlich verläßlich gegeben sind (siehe weak state index + property rights index) – schon in Griechenland beispielsweise nicht mehr: ein Problem für die Eurozone, Europa und die Entwicklungstheorie, das Ökonomen üblicherweise übersehen.

Die Existenz von staatlichem Gewaltmonopol, Privatrecht und Öffentlichem Recht hat leider auch Stützel ebenso als gegeben vorausgesetzt wie so wie praktisch alle Ökonomen – etwas, das wir uns mit einem Land wie GR in der Eurozone und einem failed state nach dem anderen jenseits des Mittelmeers heute nicht mehr leisten können. Hier schafft nur ein systematisch kulturvergleichender Blick mithilfe von Rechts- und Wirtschaftsethnologie und ein vergleichender Blick auf die Geschichte der Entstehung von Staaten und von Privatrecht auch theoretisch sytematische Klarheit darüber, was die Erfahrung mit dem „Washington Consensus“ längst praktisch gezeigt hat: daß zivilisatorische Entwicklung und Privatrecht ohne vorheriges state building unmöglich ist. Eine solche Perspektive entwirft Francis Fukuyama in seinem beiden letzten Büchern, „Origins of Political Order“ und „Political Order and Political Decay“.

Denn Wirtschaften heißt nicht, „rationaler Umgang mit knappen Mitteln bei unbegrenzten Bedürfnissen.“ Sondern: Lebenskampf unter einem staatlichen Gewaltmonopol, das vor dem Recht freien und gleichen abstrakten Rechtspersonen per rechtlich domestizierter Waffengewalt Freiheit (Eigentum und Vertrag) garantiert, durchsetzt und vollstreckt und die Rechtspersonen dafür mit einer Zwangssteuer belegt. Unter diesen Umständen muß das wichtigste ökonomische Ziel der Rechtspersonen sein, den eigenen Gewinn (Nettovermögenszuwachs) und – damit die eigenen Möglichkeiten der Lebensentfaltung –– zu maximieren. Sowohl mit geschäftlichen als auch mit politischen Mitteln. Was auf S. 1 jedes BWL-Lehrbuch ja auch ganz richtig „Profitmaximierung“ heißt.

ANEP Economics

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Hier vereinen wir unsere individuelle Neugier zu einer gemeinsamen um damit ein neues polit-ökonomisches Paradigma zu entwerfen, das in der Lage ist in seiner Konsistenz mit der neoklassischen Ökonomik mit zu halten. Das Fundament dieses neuen Paradigmas soll allerdings nicht der angenommene Austausch von physischen Dingen sein (wie bei der Neoklassik), sondern orientiert sich unmittelbar an der juristischen, politischen und buchhalterischen Wirklichkeit.



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