Warum die Klimakrise auch eine Medienkrise ist

Warum die Klimakrise auch eine Medienkrise ist

Aufgezeichneter Vortrag von Journalist und Buchautor David Goeßmann in der HafenCity, 22.09.2021, auf der 13. Hamburger Klimawoche. Nach dem Vortrag folgen drei Lieder gesungen von Dota Kehr, die für die Klimawoche aufgenommen wurden.

Der Journalist und Mitbegründer von Kontext TV zeigt in seinem Vortrag auf der Hamburger Klimawoche, wie die Medien bei der Klimakrise versagt haben. Die Klimakrise landete meist auf den hinteren Seiten in der Wissenschaftsrubrik. Bei keinem Wahlkampf in den letzten Jahrzehnten wurde über Klimapolitik debattiert. Sie war nach einer Studie von 2004 bis 2018 nur einmal, 2007, unter den Topnews in den Fernsehnachrichten. In den Polit-Talkshows der öffentlich-rechtlichen Sender kam die Krise bis zu den Klimaprotesten 2019 praktisch nicht vor. Zudem wurde immer wieder Stimmung gegen Klimaschutz gemacht. Schon 1990, bei der Verabschiedung des Berichts der Erdatmosphären-Enquettekommission des Bundestages zum Beispiel, schrieb die Wochenzeitung Die Zeit, „dass uns die Umweltschützer mit ihren Horrorbildern allmählich auf die Nerven gehen“. Schmelzende Polarkappen, Meeresfluten, Hungersnöte, Klimaflüchtlinge – das „Jahr ihrer Wiedervereinigung“ lassen sich die Deutschen jedenfalls „nicht durch düstere Prognosen vergällen“. Wer die Energiewende zum Thema machte, wurde abgestraft, siehe den grünen Wahlkampf Ende der 90er Jahre. Selbst nach dem Klimaprotestjahr, als Millionen gegen die Klimapolitik auf die Straßen gingen, nach Hitze- und Dürresommern auch in Deutschland, stellten die Hauptstadtkorrespondent*innen den Spitzenpolitiker*innen keine einzige Frage zur Klimapolitik. Auch bei der Sommer-Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel im letzten Jahr sahen die Hauptstadtkorrespondenten über die Klimakrise und den Kurs Klimakollaps der Bundesregierung hinweg. Auf Kritik und konstruktive Anregungen reagieren die Medien nicht selten mit Wagenburgmentalität. So versucht eine Initiative inspiriert von den Klimabewegungen, eine Sendung »Klima vor Acht« entsprechend der »Börse vor Acht« in die öffentlich-rechtlichen Sender zu bringen. ZDF-Intendant Thomas Bellut antwortete: »Ich würde es nicht machen. Klima ist wichtig, aber danach kommt das nächste Thema. Themen ändern sich ständig. Ich finde es falsch, so etwas vorzugeben, denn damit macht man Politik. Ist das unsere Aufgabe? Nein.« Die ARD erteilte dem von rund 20.000 Bürger*innen unterstützten Vorschlag, darunter Prominente wie Carolin Kebekus, Bastian Pastewka, Luisa Neubauer, Bjarne Mädel und ARD-Meteorologe Karsten Schwanke ebenfalls eine Absage. Es ist das Verdienst der Klimaproteste der letzten Jahren, die Klimakrise stärker auf die Agenda gebracht zu haben. Es wird nun öfter über Klimaschutz berichtet als zuvor, wenn auch weiter viel zu wenig sowie dem Notstand nicht angemessen, während die notwendige Kursänderung oft negativ gerahmt wird als ökonomische Belastung und Zumutung für die Bürger*innen. Wenn sich daran nichts ändert, so Goeßmann, wird es schwierig, die Kursänderung in den nächsten Jahren politisch zu ermöglichen.

Weitere Infos zum Buch “Kurs Klimakollaps. Das große Versagen der Politik” von David Goeßmann unter: https://www.eulenspiegel.com/verlage/das-neue-berlin/titel/kurs-klimakollaps.html.

Kontext TV
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