Unsere Angst vor Katastrophen | Nachtstudio Diskussion (18.03.2011)

Während die einen solche Reaktionen als reine Panik abtun, sehen andere uns direkt betroffen: Auch wir tragen einen Anteil an solchen Ereignissen – wir sind beispielsweise nachlässig beim Klimaschutz, wir leben auf Kosten anderer und unsere Energie gewinnen wir auch aus Atomkraft.

Unsere Möglichkeiten, eine sichere Welt zu gestalten, sind allerdings begrenzt: Terroristische Anschläge zeigen uns regelmäßig, dass wir nicht alle Risiken abschätzen und jede Situation kontrollieren können. Was bedroht uns wirklich? Vor welchen Katastrophen müssen wir Angst haben? Geraten wir Deutschen zu leicht in Panik? Und welcher wahren Risiken sollten wir uns endlich bewusst werden?

Die Gäste: „Wir müssen damit leben, dass es absolute Sicherheit nicht gibt“, sagt der Risikoforscher Prof. Ortwin Renn. Ein gewisses Risiko sei immer gegeben, auch wenn ein Zusammenkommen vieler verschiedener Katastrophen wie jetzt in Japan doch sehr selten sei. Die „Hysterie und die politischen Spielchen“, wie sie Renn hierzulande als Folge beobachtet, missfallen ihm sehr. Er fordert mehr Pietät und Anteilnahme für die Not der Japaner.

Jutta Ditfurth reicht das nicht: Für sie wäre es eine „strafbare Dummheit“, wenn man auf die Katastrophen in Japan keine radikalen Konsequenzen zöge. „Nur zu hoffen, der Wind werde schon an uns vorbeiziehen, das ist zynisch“, sagt die Publizistin und fordert eine sofortige Abschaltung aller Atomkraftwerke weltweit. Nach Katastrophen sieht sie die Chance, daraus etwas zu lernen: „Sie rütteln auf und man muss über Risiken und Gefahren ernsthaft nachdenken.“

Vor „Panikmache“ warnt der Physiker und ehemalige Astronaut Prof. Ernst Messerschmid, der sich weiter für eine friedliche Nutzung der Kernenergie ausspricht: „Alternative Energien sind noch viel zu teuer, und auch Solaranlagen sind umweltschädlich.“ Er kritisiert, dass die Deutschen insgesamt risikoscheu geworden seien. Sein Vertrauen in die moderne Technik stellte er 1985 unter Beweis, als er mit der US-Raumfähre Challenger ins Weltall abhob.

„Der Mensch fordert die Natur zu sehr heraus“, kritisiert der Publizist Franz Alt. Das zeigte ihm bereits vor 25 Jahren die Atomkatastrophe in Tschernobyl. Darum engagiert er sich für eine Lebensweise im Einklang mit der Natur: „Wir müssen lernen, mit ihr zu leben, nicht gegen sie!“ Deshalb setzt er auf erneuerbare Energien. Alles Andere koste den kommenden Generationen die Zukunft, so Alt.

Der Journalist Rainer Hank attestiert den Deutschen eine stark ausgeprägte Angst vor Technik. „Wären wir aber in der Vergangenheit nicht bereit gewesen, Risiken einzugehen, säßen wir heute immer noch auf Bäumen“, sagt der Ressortleiter Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dass Technik auch entgleiten könne, zähle zum Risiko: „In solchen Momenten neigen gerade die Deutschen dazu, in eine Zurück-zur-Natur-Haltung zu verfallen.“

Für den Öko-Landwirt Volker Helldorff ist eine unbelastete Natur die Lebensgrundlage. Deshalb setzt er sich gegen den Einsatz von Gentechnik zur Wehr. Zwischen ihr und der Atomtechnik sieht der kämpferische Österreicher Parallelen: „Keiner kann die Folgen absehen. Ist der Boden erst einmal verseucht, gibt es keinen Weg zurück.“

Auch Ute Bernhard hat das Vertrauen in eine sichere Welt verloren. Sie wurde Opfer des Terroranschlags im indischen Mumbai 2008. Sie und ihr Lebensgefährte Ralph verbrachten ihren Urlaub exakt in jenem Hotel, das von Terroristen überfallen wurde. Während sich Bernhard mit einem Sprung aus dem Fenster retten konnte, starb ihr Partner. „Seitdem komme ich mit jeglichen Schreckensszenarien nicht mehr klar“, so die Flugbegleiterin.

An der Bar: Carola Hommerich steckt der Schock noch in den Gliedern: Die Soziologin erlebte das Erdbeben in Tokyo am eigenen Leib. Auf flehende Bitten ihrer Familie hin kehrte sie zurück nach Deutschland. Doch ihr Freund wollte Japan nicht verlassen. „Ich bin jede Minute in Sorge um ihn und halte Kontakt, wo ich nur kann.“

Quelle: Unsere Angst vor Katastrophen | Nachtstudio Sondersendung Diskussion 18.03.2011:
Link: http://www.SWR.de/nachtcafe/-/id=200198/nid=200198/did=7763086/14oc09z/index.html

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