Tagesdosis 9.11.2017 – Gefangen im System

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Die gestrige Tagesdosis von Rüdiger Lenz hat interessierte und aufgeschlossene Leser regelrecht eingefangen. In wuchtigen Absätzen wurde einem Betrachter, oder Zuhörer nachhaltig vermittelt, wie tief der individuelle Bürger inzwischen Bestandteil, verwurzelter Partizipant der aktuellen Gesellschaftsvariante ist[1]. Ein Gefangener im System.

Jeder Bürger ist am Ende für sich selbst verantwortlich. Jeder Mensch sollte für sich den Entschluss fassen, inwieweit er sich einfangen lässt. Sich einfangen lassen will? Der gesellschaftliche Widerspruch zwischen einer bedingten Notwendigkeit und der unreflektierten Hingabe, bishin zur völligen Loyalität gegenüber den eigenen Wärtern, den Influencern, den Kräften und Institutionen im Hintergrund, wird diese Gesellschaft nachhaltig spalten und atmosphärisch die kommenden Jahrzehnte prägen.

Die digitale Manipulation der Menschheit schreitet ungehindert voran. In einem sehr aufschlussreichen Interview- mal wieder in der Jungen Welt- wird an einen Wahlslogan der FDP aus diesem Jahr erinnert. Wir vergessen und verdrängen ja schnell: “Digital first. Bedenken second”. In Klarschrift bedeutet dieses Marketinglüftchen schlicht – Smartphone, oder Tablet anschalten. Hirn abschalten. Der Rest wird übernommen.

Zitieren möchten ich aus dem Artikel folgende Begriffe[2]. Deutschland im Jahre 2017 bedeutet: Digitalpakt#D. Digitalgipfel. Digitalfieber. Digitalagenda. Der Leser erfährt: Eine PISA-Sonderauswertung der OECD-Studie »Students, Computers and Learning« ergab, dass in den vergangenen zehn Jahren Investitionen in die IT-Ausstattung der Schulen keine nennenswerten Verbesserungen der Schülerleistungen in Lesekompetenz, Mathematik oder Naturwissenschaften erbrachten.

Beim Spiegel, aus dem Hause Gruner & Jahr, klingt die Aufklärung seiner Leser im Auftrag der IT-Lobby natürlich entsprechend dann so: Warum Estlands Schüler den deutschen weit voraus sind. Was für deutsche Lehrer die Kreide ist, ist für ihre estnischen Kollegen das Tablet. Das kleine baltische Land hat uns in Sachen Bildung längst abgehängt. Ein Besuch im digitalen Klassenzimmer[3].

Im JW-Artikel werden die eigentlichen Absichten klar und verständlich formuliert: Wer mit der Digitalisierung von Schulen und Unterricht Geld verdienen will – Hard- und Softwareanbieter, IT-Dienstleister, App-Entwickler, Medienpädagogen oder Lehrmittelanbieter –, plädiert für den möglichst frühen Einsatz von Digitaltechnik in der Schule oder sogar schon in der Kita.

Es geht um Profite. Gewinne maximieren und gleichzeitig über geschickte Manipulation Gutes und Lebenswertes suggerieren. Dabei gleichzeitig den Endverbraucher an sich binden und über vermeintliche Lebenshilfen – und erleichterungen in anstrengenden Zeiten jegliche Individualität und Flexibilität nehmen und stehlen. Regelrecht an sich reißen.

Diese Täter gehören ins Gefängnis für ethische und moralische Verwerfungen, aber dieses ist skurriler Weise schon überfüllt. Von den Gefangenen ihres geschaffenen Systems. Eine perfide Strategie, die leider von den sog. Massen nicht erkannt werden will. Eine Gefängnisrevolte scheint nicht geplant.

In früheren Zeiten galten zwei Schritte vor, einer zurück als charakterliche Schwäche. Etwaig möge man sich dieser Möglichkeit erinnern, um erneut mit etwas Abstand, einen Blick auf diese und kommende Gesellschaftsmodelle zu werfen, um sich lebenswerterer Varianten zu entsinnen und sie zu erkämpfen.

Protest ist, wenn ich sage, das und das paßt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß das, was mir nicht paßt, nicht länger geschieht. Protest ist, wenn ich sage, ich mache nicht mehr mit. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, daß alle andern auch nicht mehr mitmachen[4].

Quellen

[1] – https://kenfm.de/tagesdosis-8-11-2017-tiefer-staat-tiefes-selbst-tiefe-einblicke/

[2] – https://www.jungewelt.de/artikel/321189.weltweit-gr%C3%B6%C3%9Ftes-experiment-am-lebenden-objekt.html?sstr=das%7Cweltweit%7Cgr%C3%B6%C3%9Fte%7Cexperiment

[3] – http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/estland-digitalisierung-an-schulen-zu-besuch-im-digitalen-klassenzimmer-a-1176271.html?#ref=recom-outbrain

[4] – https://beruhmte-zitate.de/autoren/ulrike-meinhof/

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