Tagesdosis 31.7.2017 – Mangel im Überfluss

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Ein Kommentar von Susan Bonath.

Extreme Dürre, bewaffnete Kriege: In Teilen Afrikas und Vorderasiens bahnen sich die schlimmsten Hungerkatastrophen seit dem zweiten Weltkrieg an. Die ersten Opfer sind wie immer die Kinder. Von Milch können sie nur träumen.

Die Europäische Union könnte ihnen helfen. Ihre Lagerhäuser sind mit überschüssigen Lebensmitteln prall gefüllt. Aktuell hortet sie zum Beispiel 358.000 Tonnen Magermilchpulver. Das räumte die EU-Kommission jüngst ein. Allein in Wilhelmshaven türmen 5.700 Tonnen des Trockenlebensmittels in einer 10.000 Quadratmeter großen Halle der Tiefkühl-Logistikgruppe Nordfrost.

Hintergrund war der drastische Verfall des Milchpreises. Viele kleine Bauernhöfe überlebten das nicht. Sie gingen reihenweise pleite. In Bayern sollen 1.600 Landwirte die Milchproduktion aufgegeben haben, 400 in Schleswig-Holstein. Helfen wollte ihnen die EU mit bekannten Mitteln: Sie kaufte selbst Tonnenweise Milchpulver selbst an.

Dabei ist die EU am Preisverfall nicht unschuldig. Um den angeblich überregulierten Markt zu liberalisieren, hatte sie die Milchquote aufgehoben. Ganz der er Ideologie »freien Marktes« folgend, erhofften sich viele Bauern davon das große Geld. Sie produzierten Milch im Überfluss. Hinzu kamen die Sanktionen des Westens gegen Russland, die den Export eindämmten. Die Preise purzelten in den Keller.

Die Milchquote hatte durchaus ihren Sinn. Auch in den 1970er Jahren führte auf ein auf der einen Seite subventionierter, ansonsten aber unregulierter Landwirtschaftsmarkt zu enormer Überproduktion von Milch. Die europäischen Staaten reagierten mit Interventionskäufen. Auch damals galt es, den Bauern die Gewinne und damit die Existenz zu sichern. Gigantische Butterberge türmten sich auf. Tonnenweise vergammelte das Lebensmittel in Europas Lagerhäusern. 1984 wollte man dem ein Ende bereiten: Die Quote sollte die Produktion auf einem bestimmten Level halten.

Die jüngste Deregulierung des Marktes hatte ihren Preis. Die EU konnte die Pleite tausender kleiner Bauernhöfe mit ihren Massenankäufen nicht aufhalten. Es profitierten, wie immer, Großkonzerne mit Massentierhaltung, die genug Kapital besitzen, um Preisabstürze zu überstehen.

Schlimmer noch: Das Spiel hat sich ins Gegenteil verkehrt. Weil tausende Zulieferer wegfielen, sank die Milchmenge so drastisch, dass – laut »Financial Times« – »ganz Europa nun ein Buttermangel droht«. So dezimierten die Bauern in der Krise den Bestand an Milchkühen. Die Nachzucht kostet Geld und vor allem Zeit. Das ist der Grund, warum der Butterpreis um mehr als 60 Prozent in die Höhe schnellte. Ein Ende der Teuerung sei nicht abzusehen, so das Blatt.

Nun greift der Verbraucher wieder tiefer ins Portemonnaie. Anhänger der Ideologie des freien Marktes mögen aufatmen: Da siehe, wie dieser sich von selbst regelt. Pustekuchen: Zwar zog mit dem Ladepreis auch der Ankaufspreis für Rohmilch nach. Allerdings in weit geringerem Umfang. Er stieg gerade um 13 Prozent auf 33 Cent pro Kilogramm. Das decke die Kosten von etwa 42 Cent noch immer nicht, mahnt der Dachverband europäischer Milchbauern »European Milk Boards«.

Natürlich handelte auch die EU mit dem massenhaften Pulverkauf nicht uneigennützig. Jetzt, wo die Preise oben sind, will sie das Lebensmittel gewinnbringend verkaufen. Das klappt offenbar nicht: Seit Dezember 2016 hätten gerade 140 Tonnen Pulver den Besitzer gewechselt, räumte die EU-Kommission ein. Wann die Lagerhäuser geleert werden, weiß sie nicht. »Das hängt von den Marktbedingungen ab«, hieß es.

Volle Lagerhäuser auf der einen, Hunger und Elend auf der anderen Seite: Das Spiel ist irre. Aber wir spielen es seit einem halben Jahrtausend. Angeblich regelt die »unsichtbare Hand« des freien Marktes alles. Außer die Versorgung aller Menschen und den Schutz unseres Planeten. Vor dem fortgesetzten Raubbau an unser aller Lebensgrundlage schützt das »Händchen« jedenfalls  kein bisschen.

Im Gegenteil: Umweltzerstörung hin oder her – der Dollar muss rollen. Auch um den Preis, dass Hunderttausende Tonnen Nahrung verrotten, während jeden Tag 10.000 Kinder verhungern – Tendenz wieder steigend.

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