Tagesdosis 3.8.2017 – Umsatz im Einzelhandel überraschend gestiegen

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

“Umsatz im Einzelhandel überraschend gestiegen”, so ist es in diversen Medien zu erlesen [1], [2]. Dem klassischen Einzelhandel geht es nicht gut, daher mag das für Leser erfreulich klingen. Die Realität sieht jedoch anders aus.

Wie leben in einer Welt der fortlaufenden Automatisierung. Dem muss man sich nicht anpassen, sollte man es geschafft haben, sich auf privater, sowie beruflicher Ebene unabhängig vom sog. System zu machen. Zum Beispiel weiterhin Einzelhändler, oder Krämer zu unterstützen.

Ich bin hauptberuflich selbständiger Händler für Schönes. Schallplatten, CDs und Bücher. Haptische Produkte um zu beschenken, sich selbst zu belohnen, zu verwöhnen. Eine akustische, oder optische Auszeit vom Alltagskampf nehmen. Bewusster Einkauf, kein konsumieren.

Als Selbständiger kann man sich der Automatisierung nicht entziehen. Früher gab es Vertreter, heute wird alles online abgehandelt. Neuheitenlisten, Kundenbestellungen, Infoservice. Es gibt das Online Banking, da drei von vier Bankfilialen kein Bargeld mehr führen. Dafür muss man an Automaten einzahlen. 70% der Kunden, Touristen sowieso, bezahlen inzwischen per Karte, d.h. Gutschrift nach drei, bzw. sieben Tagen. Vielleicht erkennt sich der ein, oder andere Händlerkollege.

Ein guter Freund betreibt eine herausragende Krimibuchhandlung. Die Tage unterhielten wir uns über die tägliche Herausforderung des Daseins. Die sehr interessante Theorie zu  seiner Branche lautet, dass er nicht wenige Kunden dadurch verloren hat, dass der Bürger abends zu müde und etwaig zu bequem geworden ist, noch ein paar Seiten zu lesen. Das gute Buch auf dem Nachttisch gehört schleichend der Vergangenheit an.

Die Alternative? Mann und Frau gehen den einfachen Weg über Multifunktionsgeräte. Geschafft vom Tag noch schnell die sozialen Medienportale durchforsten, dann doch noch die Mail an den Kollegen für den morgigen Arbeitstag, um erschöpft , nach der Lieferando online Bestellung, da vergessen einzukaufen, kurz in die 6.Folge, der 4.Staffel einer Netflix Serie rein zu switchen, um angezogen, den  Streaming Dienst auf “Ambient” eingestellt, nackenverspannt  auf dem Sofa einzuschlafen. Da reicht es nicht mal mehr zum E Book. Generation Display.

Gestern. Alltagsdasein. In zwei Bankfilialen insgesamt fünf Automaten kaputt. Daraufhin online den Versuch gestartet, vom Privatkonto aufs Geschäftskonto zu überweisen. Es wurde behauptet, ich hätte 3x eine falsche Pin eingegeben, was aber nicht stimmte. Das Ergebnis, mein Konto wurde für das Online Banking gesperrt. Der freundliche Hotline Mitarbeiter, nach 20 Minuten Warteschleife, konnte nicht weiter helfen und verwies mich auf den nächsten Tag, zur Bankfiliale. Dann eben erst die Bestellungen auslösen, aber ich konnte mich nicht einloggen, da die Seite in technischer Überarbeitung war. Das letzte Paket eines Lieferanten benötigte unglaubliche zehn Tage, da gerade eine neue Software noch nicht so arbeitet, wie gedacht. Kundenbindungen werden dadurch eine Herausforderung. Da atmet man sehr tief durch.

Ich habe Besucher, meistens keine Kunden, die trotz Vorhörstationen für LPs und CDs, lieber über das  Smartphone am Ohr, einen ersten musikalischen Eindruck gewinnen möchten. Generelle Fragen zum Sortiment, Wünsche, werden inzwischen eher sehr selten. Informationen liefert ja das Smartphone. Da atmet man tief durch.

Dann kam das Vater Sohn Gespann von der letzten Woche. Neukunden. Der Vater stellt sich an den Tresen und spricht: sag mal, ich wohne nicht in Berlin, mein Sohn (11 Jahre alt) aber. Kann der ab und zu mal vorbei kommen und eine Schallplatte bei dir hören?

Da atmet man tief durch und – freut sich. Natürlich kann er.

Quellen

[1] – http://www.focus.de/finanzen/news/wirtschaftsticker/eurozone-umsatz-im-einzelhandel-ueberraschend-gestiegen_id_7430626.html

[2] – https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article211432603/Einzelhandel-steigert-Umsatz-um-1-5-Prozent.html

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