Tagesdosis 29.3.2018 – Leichen, Leiden, von der Leyen

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Tagesdosis 29.3.2018 – Leichen, Leiden, von der Leyen

Ein Kommentar von Bernhard Loyen.

Da muss dann doch noch im Laufe des gestrigen Tages der Anruf oder die Mail aus dem Verteidigungsministerium an die ARD erfolgt sein. Nein: zur Tagesschau um Acht wird der Beitrag zur Umbenennung einer Bundeswehrkaserne aus dem Programm genommen. Was noch über den Tag verteilt seine Erwähnung fand, soll den müden Bürger nach einem anstrengenden Tag nicht zum Nachdenken über den Sinn aktueller deutscher Kriegseinsätze auffordern. Der Aufmacher zur Prime Time Ausgabe der Sendung handelte nicht überraschend von – Russland.

Gestern erfolgte durch die Kriegsministerin von der Leyen die Umbenennung der in Hannover liegenden Emmich-Cambrai-Kaserne in Tobias Lagenstein Kaserne. Wer ist Tobias Lagenstein? In den stündlichen Ausgaben des vergangenen Tages klärte die ARD die Bürger noch auf: Statt an einen preussischen General, wird die Hauptfeldwebel Lagenstein Kaserne in Hannover künftig an einen Bundeswehrsoldaten erinnern. Tobias Lagenstein war 2011 bei einem Anschlag in Afghanistan getötet worden. Mit der Umbenennung werde die jüngste Vergangenheit in den Mittelpunkt gestellt(1).

Dekodieren wir etwas. Es fällt auf, das der alte Name schon nicht mehr erwähnt werden möchte. Die Kaserne hieß von 1933 bis 1956 Emmich Kaserne ( benannt nach nach dem preußischen General der Infanterie Otto von Emmich) und von 1956 bis zum 28. März 2018 Emmich-Cambrai-Kaserne. Cambrai wurde während des Ersten Weltkriegs von deutschen Truppen besetzt und später in Brand gesetzt. Wikipedia lehrt uns: Die deutschen Truppen setzten die französische Stadt in Brand, bevor sie sich 1918 zurückzogen. Das gesamte Stadtzentrum musste neu aufgebaut werden. Von den 2500 Gebäuden der Stadt wurden 1500 total zerstört(2). Diese Leistung wollte in der damals jungen Bundesrepublik noch gewürdigt werden.

Durch die Umbenennung soll die jüngste Vergangenheit unserer Bundeswehr in den Mittelpunkt gestellt werden, ließ uns Ministerin von der Leyen gestern wissen. Übersetzt bedeutet dies, Soldaten sind bei entsprechenden Einsätzen Mörder, bzw. könnten etwaig töten und die entscheidende Aussage dieser verklausulierten Formulierung ist die Tatsache, dass Soldaten tatsächlich zu Tode kommen.

Der nun geehrte Soldat starb nicht im unmittelbaren Kampf gegen den Terror. Wie kam Tobias Lagenstein zu Tode? Das Archiv der Zeitung Zeit klärt auf: Der blutige Anschlag im nordafghanischen Talokan auf ein deutsch-afghanisches Sicherheitstreffen war offenbar doch kein Selbstmordattentat. Nach vorläufigen Erkenntnissen der internationalen Schutztruppe Isaf und des afghanischen Geheimdienstes NDS tötete ein ferngezündeter Sprengsatz zwei deutsche Soldaten und fünf Afghanen(3).

Warum die Kaserne nur nach einem getöteten und nicht nach beiden Soldaten benannt wurde, konnte nicht recherchiert werden. Eine Anfrage beim Bundesverteidigungsministerium ist gestellt. Wie erfolgt generell die Auswahl für eine Umbenennung? Der gestrige Tag galt auch der Unterzeichnung des neuen Traditionserlasses der Bundeswehr. Der alte galt von 1986 bis 2018. Unter Punkt 29 findet sich folgende Formulierung: Kasernen und andere Einrichtungen der Bundeswehr können mit Zustimmung des Bundesministers der Verteidigung nach Persönlichkeiten benannt werden, die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben.

Betrachten wir diesen Text zusammen mit der Ansprache von Frau von der Leyen zum neuen Erlass am gestrigen Tag: Es war daher überfällig, dass wir uns wieder mal ganz grundlegend mit den Fragen beschäftigen: Was macht uns eigentlich aus? Wo kommen wir her, was können wir aus der Geschichte für das Heute lernen?(1)…weiterlesen hier: https://kenfm.de/tagesdosis/

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