Tagesdosis 27.7.2019 – Aufstand in der Christopher Street

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Ein Kommentar von Florian Kirner aka Prinz Chaos.

„In der schwarzen Bürgerrechtsbewegung rannten wir vor der Polizei. In der Friedensbewegung rannten wir vor der Polizei. Aber in dieser Nacht rannte die Polizei vor uns davon, vor uns, vor den Niedrigsten der Niedrigen. Und es war fantastisch.“

Das sagt der Aktivist John O’Brien rückblickend über jene Nacht der Nächte in der Christopher Street in New York City. Jene Nacht des 28. Juni 1969, als eine Polizeirazzia in der Bar „Stonewall Inn“ mit wütendem Widerstand beantwortet wurde, der in einen mehrtägigen Riot eskalierte.

Seymour Pine, Deputy Inspector der „Sittenabteilung“ der New Yorker Polizei, hat es auf der Gegenseite so erlebt:

„Wir hatten keine ausreichende Truppenstärke. Und die Truppen auf der anderen Seite kamen heran als wäre es ein Krieg. Und das genau ist es auch gewesen: es war ein Krieg!“

Flaschen flogen. Steine flogen. Gefangene wurden wieder befreit. Drei Tage und Nächte währten die Straßenschlachten im New Yorker Stadtteil Greenwich Village. Auf der einen Seite die Polizei. Auf der anderen Seite eine buntscheckige Menge von Leuten aller erdenklichen Hautfarben und sexuellen Identitäten, deren Wut über die ständigen Schikanen der Polizei, über den Moralterror der bürgerlichen Gesellschaft und die allgegenwärtige Diskriminierung ihrer Liebe endlich auf die Straße brach.

Drag Queens, lesbische Frauen, schwule Männer, Transgender, Stricher – alles, was nicht in die rigiden Moralvorstellungen dieser Zeit passte, hatte sich im Stonewall Inn gefunden gehabt.

Das Stonewall Inn war keine ideale Heimat. Der Laden war ein mieser Abzockschuppen, kontrolliert von der örtlichen Mafia, die bei den regelmäßigen Razzias mit der Polizei zusammenarbeitete.

Aber dieser miese Mafiaschuppen war auch ein echter Freiraum. Es war so ziemlich der einzige Ort im damaligen Amerika, wo Männer mit Männern tanzen konnten und Frauen mit Frauen, wo gleichgeschlechtliche Liebe und Leben außerhalb der Geschlechterdefinitionen sich offen zeigen konnte.

Im Verlauf des 28. Juni 1969 stand das Stonewall Inn dann irgendwann in Flammen. Die Polizei hatte sich zuvor darin vor der wütenden Menge verbarrikadiert. Gleichzeitig loderte zum ersten Mal in der Geschichte der Nachkriegszeit die Flamme der sexuellen Selbstbestimmung.

Der Schriftsteller Allen Ginsberg hat beschrieben, was das Erlebnis des militanten Widerstands mit den Beteiligten gemacht hat. „Und weißt Du“, sagte Ginsberg: „die Leute waren so unfassbar schön. Sie hatten diesen verwundeten Blick verloren, den zehn Jahre zuvor alle Schwuchteln gehabt hatten.“

Dieser verwundete Blick hatte seine Gründe. Homosexualität galt in den reaktionären USA der 1950er und 1960er Jahre als Krankheit – und war der ultimative moralische Verstoß in einem Land, das von den sittlichen Vorstellungen fundamentalistischer Christen dominiert wurde. Die angesagte „Heilmethode“ für Homosexualität bestand in einer Elektroschocktherapie. Unzählige schwule Männer wurden Opfer dieses medizinischen Terrors. Die allgegenwärtige Homophobie beendete zahllose Karrieren, Familien verstießen angewidert die eigenen Kinder. Die Selbstmordrate war horrend. Gewalt gegen queere Menschen ein Kavaliersdelikt.

Offenes, selbstbewusstes Leben außerhalb der heterosexuellen Norm war derweil undenkbar – aber in der Gegenkultur der 60er Jahre wuchs eine Generation heran, die sich mit den herrschenden Zuständen nicht mehr länger abfinden wollte. Frauen wurden selbstbewusster, die schwarze Bürgerrechtsbewegung brachte Massen auf die Straße, der Krieg in Vietnam politisierte Millionen.

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