Tagesdosis 27.10.2017 – Fussball ist heilbar

Ein Kommentar von Florian Ernst Kirner.

In der Aufgabenstellung der Tagesdosis auf KenFM werden die Autoren gebeten, sich mit einem aktuellen Thema der Medienlandschaft auseinanderzusetzen. Als ich daraufhin den digitalen Blätterwald durchforstete, ergab sich ein glasklares Bild. Das wichtigste Thema war: Das Pokalspiel zwischen RB Leipzig und dem FC Bayern vom Mittwoch Abend!

Speziell die Süddeutsche Zeitung bringt für die Nachbereitung dieses Matchs einen journalistischen Eifer auf, der ihr bei bedeutenderen Fragen zu wünschen wäre.

Ein erster Artikel stellt die fünf Elfmeterschützen des FC Bayern vor. Ein zweiter Text fasst die „Stimmen zum Spiel“ zusammen. Hinzu kommt ein Video von der Pressekonferenz nach dem Spiel. Eine Taktikkolumne analysiert in Wort und Bild, wie die Bayern in die „Pressing-Falle“ der Leipziger tappten. Ein Artikel porträtiert den Unglücksraben, der den entscheidenden Elfmeter verschoss. Ein fünfter Text widmet sich der Kritik der Leipziger an den Entscheidungen des Schiedsrichters – wenige Stunden später unterzieht ein neuer Kommentar die Kritik der Leipziger einer ausführlichen Kritik.

Natürlich gab es bereits eine ausführliche Vorberichterstattung und einen Live-Ticker. Auch Teile meines Facebookumfelds diskutieren zwei Tage später noch über das Match.

Ich selber habe das Spiel gar nicht gesehen.Ich wusste noch nicht einmal, dass es stattfindet…und darauf bin ich mächtig stolz.

Es gab nämlich eine Zeit in meinem Leben, da ich enthusiastischer Fussballfan war. Nachdem ich in München aufwuchs und mich generell eher für Techniken des Siegens interessiere als dafür, wie man in formvollendeter Tragik verliert, kam 1860 München für mich gar nicht in Frage. Ich wurde also Bayern-Fan!

Als Vierzehnjähriger rannte ich zu jedem einzelnen Heimspiel ins Olympiastadion, ich pilgerte zum Tag der Offenen Tür in die Bayern-Zentrale an der Säbener Straße, ich fuhr zu Auswärtsspielen nach Stuttgart oder Wattenscheid.

Meine Abhängigkeit von der Droge Fussball hielt sich lang. Noch 2006, bei der Weltmeisterschaft in Deutschland, schrie, jubelte und litt ich mit Hunderten anderen auf der Zülpicher Straße in Köln.

Dass heute selbst weltbewegendste Fussballereignisse spurlos an mir vorbeigehen, halte ich für einen der größten Selbstheilungserfolge meines Lebens.

Ausgesprochen hilfreich war dabei das Verhalten des einstmals geliebten Vereins in der Steueraffäre um Uli Hoeneß. Dieser Mann ist seit 1979 Manager des FC Bayern gewesen und wurde dann Präsident des Vereins, – bis er im Jahre 2014 als Steuerbetrüger entlarvt und verurteilt wurde.

CSU-nahen Prominenten widerfährt so etwas in Bayern höchst selten. Vermutlich wurde die Verurteilung des Uli Hoeneß vor allen Dingen deshalb nötig, um weitere Enthüllungen, die dann auch den Verein betroffen hätten, zu verhindern.

Die von Hoeneß nachweislich hinterzogene Gesamtsumme lag zum Zeitpunkt der Anklageerhebung am 10. März 2014 bei 3,5 Millionen Euro. Bei der Urteilsverkündung zwanzig Tage später war die Summe auf 42,6 Millionen Euro angestiegen. Mit dem Urteil kam der Deckel auf die Affäre. Dabei wären weitere Nachforschungen sicherlich spannend gewesen. Gut 10 Millionen Euro der schwarzen Gelder kamen beispielsweise über den damaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus auf das Schweizer Nummernkonto des Bayern-Chefs.

Während nun der Adidas-Boss dem Bayern-Boss dieses Geld rein privat überließ, um damit Aktienspekulation zu betreiben, stieg der Adidas-Konzern zeitgleich als Anteilseigner bei der FC Bayern AG ein – und ließ sich das 75 Millionen Euro kosten.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Finanzen des Vereins blitzsauber gewesen sind, während die Finanzpraktiken des Uli Hoeneß ihn für einen Knastaufenthalt in Landsberg am Lech qualifizierten, ist, mit anderen Worten, überschaubar.

Umso erstaunlicher ist, dass Uli Hoeneß bis heute das Kunststück gelingt, in der Öffentlichkeit als Vorzeigeunternehmer und familiärer Patriarch mit einer ausgeprägten sozialen Ader zu gelten – zumal er nebenher auch noch Miteigentümer der „HoWe Wurstwaren“ in Nürnberg ist.

Diese Wurstfabrik beliefert unter anderem Aldi und McDonalds mit Fleisch aus Massentierhaltung, während Hoeneß erklärt: „Bio ist totaler Schwachsinn“.

Sein Unternehmen verfügt weder über einen Betriebsrat noch hält es sich an den Rahmentarifvertrag. Stattdessen arbeitet dort eine große Zahl von Menschen in Leiharbeit…weiterlesen hier: https://kenfm.de/tagesdosis/

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