Tagesdosis 26.2.2018 – Konkurrenz um Abfälle

FavoriteLoading Video merken
Tagesdosis 26.2.2018 – Konkurrenz um Abfälle

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Wer hätte das vor 28 Jahren gedacht: Im vereinten Deutschland des Jahres 2018 kloppen sich Abgehängte um Essensreste: Wer darf die von der Bourgeoisie mildtätig unter den Tisch geworfenen Krümel und abgenagten Knochen aufsammeln? Es tobt der Konkurrenzkampf um abgelaufene Lebensmittel, von Supermärkten zur billigen Entsorgung und kostenlosen Imagewerbung in karitative Tafelhände gegeben. An der Praxis der Tafel in Essen entzünden sich nun moralinsauer politische Gemüter. Sie versagt Flüchtlingen die Essensspenden, weil, lax gesagt, die verarmte deutsche Oma sonst nicht genug bekomme.

Die Tafel in der Ruhrmetropole ist dabei nur ein Aufhänger. So duldet beispielsweise die Essensausgabe im niederbayrischen Zwiesel nur noch 15 ausgewählte Flüchtlingsfamilien neben ihren deutschen Bedürftigen. Und diese, berichtete der Bayrische Rundfunk vergangene Woche, kommen grundsätzlich zuletzt, also nach den deutschen Bedürftigen, an die Reihe. Sie bekommen also sprichwörtlich die Reste der Reste, um, wie es heißt, Neid zu vermeiden. Bei anderen Tafeln gilt seit Monaten ein Aufnahmestopp für jegliche Betroffene. Im nordrhein-westfälischen Lünen etwa wird das seit einem Jahr praktiziert. Lange Wartelisten gibt es auch in Gummersbach, im mecklenburgischen Stralsund und vielen anderen Orten. Es geht um die bürokratische Reihenfolge und die richtige Hautfarbe, nicht um extreme Notlagen, schon gar nicht um Hunger.

Springers Welt online findet das völlig in Ordnung. Die alleinerziehende deutsche Mutter samt Nachwuchs und der deutsche Rentner dürften natürlich nicht hungern, der »junge kräftige Ausländer« hingegen schon, schreibt das bekannte Hetzblatt sinngemäß. Immerhin hätten erstere schon erfolgreich die Obdachlosen verdrängt, für welche die Tafeln zuerst gedacht waren. Die naserümpfenden Blicke armer Mütter und Rentner hätten sie vertrieben. Wer, so ergießt sich Welt-Autor Torsten Krauel, wolle schon dort landen, wo die Straßenpenner sind? Außerdem, führt er aus, sei die Essener Tafel wie alle Tafeln ein Privatverein. Der dürfe tun und lassen, was er wolle. Ja, darf er.

Zeitungsschreiber ereifern sich zu Kommentaren – mal moralinsauer, mal rigoros, immer irgendwie pervers. In den Kommentarspalten tritt maßlose gesellschaftliche Verrohung zu Tage. Die üblichen Floskeln überschäumender Wutbürger ergießen sich wie Flutwellen ins Netz: DIE haben alle ein Handy, kriegen eine Wohnung und »alles in den Arsch geblasen«, schreit der Mob. Von Fakten will da niemand mehr was wissen: Zum Beispiel, dass die oft über Jahre in spartanisch eingerichteten Mehrbettzimmern hausenden, nicht arbeiten dürfenden Asylbewerber tatsächlich je nach Alter bis zu 63 Euro weniger bekommen als Hartz-IV-Bezieher. Und dass nur einer an diesen Menschen mit oft schweren Schicksalen verdient: Die Armutsindustrie, wie Heimbetreiber, Immobilienbesitzer und Securityunternehmen.

An Perversion kaum zu überbieten ist auch das Statement von Familienministerin Katarina Barley. Es müsse nach Bedürftigkeit und nicht nach Nationalität gehen, forderte sie gegenüber der Presse. Das ist pure Heuchelei: War es doch die Partei der SPD-Politikerin, die gemeinsam mit CDU, CSU, FDP und den Grünen Hartz IV inklusive Sanktionsapparat eingeführt und ständig verschärft, die Renten gekürzt und die Vermögenssteuer abgeschafft hat! Es war doch die SPD, die wie alle anderen – außer der Linkspartei – für Aufrüstung und imperialistische Kriegseinsätze gestimmt und so für Millionen Menschen gesorgt hat, die aus Mangel an Überlebensperspektiven erst flüchten mussten.

Ist es etwa nicht Barleys SPD, die stets gemeinsam mit CDU, CSU, FDP und nun auch der AfD eisern auf der Seite der imperialen NATO-Politik und jener Konzerne steht, die sowohl die wachsende Armut als auch die Flüchtlingskrise gleichermaßen verursachen?…weiterlesen hier: https://kenfm.de/tagesdosis/

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: https://kenfm.de/tagesdosis/

+++

KenFM jetzt auch als kostenlose App für Android- und iOS-Geräte verfügbar! Über unsere Homepage kommt Ihr zu den Stores von Apple und Google. Hier der Link: https://kenfm.de/kenfm-app/

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

https://www.kenfm.de
https://www.facebook.com/KenFM.de
https://www.vk.com/kenfm
https://www.twitter.com/TeamKenFM
httpv://www.youtube.com/watch?v=KenFM

KenFM.de

KenFM.de

KenFM ist ein freies Presseportal, eine Nachrichtenplattform, die bewusst das Internet als einziges Verbreitungsmedium nutzt, um das klassische Sendegebiet eines UKW Radios auf den ganzen deutschsprachigen Raum auszudehnen. Darüber hinaus agiert KenFM zunehmend im internationalen Rahmen: Unsere Beiträge werden bereits in verschiedene Sprachen übersetzt, englischsprachige Interviews finden in der Rubrik „KenFM-International“ ihren Platz. KenFM ist userfinanziert und somit auf die finanzielle Unterstützung der Community angewiesen. Wir verstehen KenFM daher auch nicht als unser Portal, sondern als das all derer, die uns mit ihrem Geld den Auftrag gegeben haben, im Dreck zu wühlen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht embeddeter Journalismus aus Berlin. Finanziert durch den User! https://kenfm.de/unterstutze-kenfm