Tagesdosis 21.8.2017 – Wenn der Staat Mörder in Uniform deckt

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Vergangene Woche geriet ein Fall mal wieder in die Schlagzeilen, der mich seit 2011 beschäftigt: Der Feuertod von Oury Jalloh im Polizeirevier Dessau. Der an Händen und Füßen gefesselte Asylbewerber verbrannte im Januar 2005 in einer gefliesten Schlichtzelle binnen 20 Minuten bis zur Unkenntlichkeit. Von der feuerfest umhüllten Matratze blieb nur Schutt übrig.

Selbstmord, meint die Staatsanwaltschaft Dessau. Unmöglich, sagen Anwälte und Unterstützer der Familie. Nun rückte die Generalstaatsanwaltschaft Sachsen-Anhalt mit der Sprache heraus: Bereits im Juni habe sie den Fall aus Dessau abgezogen und den Staatsanwälten im 50 Kilometer entfernten Halle übertragen. Nach zwölfeinhalb Jahren Ermittlungen ins Leere. Der Grund: Gutachter zweifeln daran, dass der 36jährige beim Brandausbruch noch gelebt hat.

»Lasst den Fall doch endlich ruhen«, wettern Kommentatoren zur aktuellen Berichterstattung. Die Spekulationen kosteten nur immer mehr Geld. Behauptet wird: Die Polizei bringe keine hilflosen Personen so einfach um. Schließlich habe der Mann aus Sierra Leone zuvor betrunken Frauen angequatscht, weil er mit ihrem Handy telefonieren wollte. Da sei er halt selbst Schuld. Wie bitte? In was für einer Gesellschaft lebe ich? Was sind das für Menschen, die Polizisten einen Freifahrtschein zum Morden ausstellen wollen?

Das erschreckt mich. Zumal es keine Spekulationen sind. Ich bin seit sechs Jahren an dem Fall dran. Ich habe mit Sachverständigen, Feuerwehrleuten und externen Brandermittlern gesprochen. Ich habe alle Gutachten studiert und Tausende Seiten Ermittlungsakten gelesen.

Schwarz auf weiß ist in den Akten belegt, wie Polizisten Beweismittel wie am Fließband verschwinden ließen: Polizeijournale, Dienstpläne, Kaufbelege für Matratzen, Brandschutt, eine Handfessel, ein Fahrtenbuch, Videoaufzeichnungen vom Tatort. Mediziner erklären die offizielle Todesversion für unhaltbar. Es steht geschrieben, dass das angebliche Selbstmordfeuerzeug mangels Spuren nie in der Zelle gewesen, geschweige denn, dort verbrannt sein kann. Auch die Tatortgruppe hatte es nicht im Brandschutt gefunden. Drei Tage später sei das Utensil plötzlich aus einer Asservatentüte gepurzelt, behauptet die Polizei. Spuren, wie Textilfasern von der Matratze oder DNA vom Opfer hat es, mysteriöser Weise, nicht abbekommen.

Ich habe erlebt, wie Spuren verwischt wurden: Eine Flüssigkeitslache in der Zelle und Blutspuren im Arztraum. Strafanzeigen gegen bestimmte Polizisten, denen die Staatsanwälte nie nachgegangen sind. Statt dessen haben sie die Hinweisgeber verfolgt. Ich habe erlebt, wie man als Journalist bei allen Behörden bis in die höchste Bundesebene auf Granit beißt. Trotz aller Belege. Die Bundesanwaltschaft, SPD-Justizminister Heiko Maas und sämtliche Landesbehörden in Sachsen-Anhalt fühlen sich nicht zuständig.

Ich habe zwei Gerichtsprozesse in Dessau und Magdeburg verfolgt, in denen gelogen wurde, dass sich die Balken biegen. Niemals ging es um die Frage, wer das Feuer gelegt hat, sondern darum, zu ermitteln, ob die angeklagten Polizisten dem Opfer hätten rechtzeitig helfen können. Am Ende erhielt der Dienstgruppenleiter des Reviers, Andreas S., eine Geldstrafe. 10.800 Euro sollte er abdrücken wegen fahrlässiger Tötung. Die Gewerkschaft der Polizei griff für ihn ins Portemonnaie….(weiterlesen auf unserer Homepage: https://kenfm.de/tagesdosis/ )

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