Tagesdosis 19.3.2018 – Privatisiertes Chaos

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Video-Link: http://youtu.be/s1Ou_UgZd1U

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Menschenmassen im Bahnhof, ratlose und bange Gesichter in Zügen, die irgendwo in der Pampa stehen bleiben, Hunderte Meter lange Schlangen vor dem einzigen Informationsschalter, verzweifelt Suchende, weit und breit kein auskunftsfähiger Angestellter, kein Zurück, kein Ankommen, in den Sand gesetzte Fahrkosten: Zehn Zentimeter Schnee im März legten am Wochenende den gesamten öffentlichen Nahverkehr an mehreren Verkehrsknotenpunkten in Ostdeutschland lahm. Ein paar Flocken und Minusgrade genügten, um die schöne moderne kapitalistische Technik komplett zum Erliegen zu bringen. Oder waren es doch Putins Hacker? Die Deutsche Bahn sprach von »höherer Gewalt«. Eine Odyssee:

Samstagmorgen rieseln Schneeflocken vom Himmel. Eine weiße Schicht überzieht Wiesen und Wege, ein eisiger Wind wiegt die kahlen Wipfel der Bäume hin und her. Ich schalte die Nachrichten ein. Auf der Autobahn soll sich der Verkehr bereits an mehreren Stellen stauen. Es mangelt offenbar am Winterdienst. In meinem Gehirn aktiviert sich die Mär vom Fachkräftemangel. Das will ich mir nicht geben. Ein Zug soll mich in anderthalb Stunden von Magdeburg nach Leipzig zu einem Treffen bringen. Laut Internet ist alles in bester Ordnung. Meine Entscheidung ist der Anfang einer Reise durchs totale Chaos.

Am Magdeburger Hauptbahnhof ist kaum ein Durchkommen. Menschen drängen sich in der Halle. Der Zug nach Köln soll zwei Stunden Verspätung haben, lese ich. Bei der Bahn nach Hannover sind es nur 45 Minuten. Doch die Fahrt nach Leipzig ist ganz normal ausgeschildert. Dem Himmel sei dank, denke ich.

Mit meiner für 22 Euro erworbenen Fahrkarte kämpfe ich mich zum Bahnsteig 7 durch. Eine Gruppe älterer Damen macht mir Platz, so gut es geht. Dass sie zum Flughafen wollen, zeigen die Schilder an den Griffen ihres Gepäcks. Die allermeisten aber haben ein anderes Ziel: Die Buchmesse. Um mich herum drängen sich Dutzende Gruppen verkleideter junger Leute – offensichtlich Manga-Fans.

Wortfetzen fliegen aus allen Richtungen an mein Ohr: Ob es bald weitergeht? Ein Mädchen reißt einen Witz über unerwartete Wintereinbrüche im März, eine Frau frotzelt über Putins »Russenpeitsche«. Ob die Leute hier alle in einen Zug passen, will einer wissen. Das frage ich mich allerdings auch. Ich bereite mich innerlich auf eine Chaosfahrt vor.

20 Minuten nach der geplanten Abfahrt ist noch immer kein Zug zu sehen. Dann verkündet die Durchsage 60 Minuten Verspätung. Ein Seufzen durchzieht die Massen wie eine Welle. Eine Woge schiebt mich gen Treppe. Ich lande mit hunderten Menschen in der Bahnhofshalle. Noch ist die Schlange am Backstand nicht allzu lang. Ich ergattere einen Kaffee und starre die große Tafel an. Plötzlich verschwindet mein Zug.

»Der ist gerade im Ausfall«, erklärt mir eine Frau von der Bahnaufsicht, nachdem sie minutenlang über Funk diskutiert hat. Doch sie weiß eine Lösung: »Sie können in fünf Minuten über Halle fahren«, versichert sie. Dort laufe alles. Ich vertraue ihr und denke: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Mit mir schieben sich ungezählte Manga-Fans wieder in Richtung Bahnsteig. Tatsächlich fährt der Zug ein – und verspätet auch wieder los. Ich ergattere sogar einen Sitzplatz. Neben mir lässt sich eine freundliche junge Marokkanerin fallen. Ihr Spitzname ist Mimi. Sie will jemanden besuchen, sagt sie.

Zunächst geht es im Schneckentempo voran. Es kommt sogar eine Schaffnerin und will die Fahrkarten sehen. Die Strecke Halle-Leipzig sei tot, erklärt sie zu unser aller Entsetzen. Aber wir sollten uns nicht sorgen, beruhigt sie. Es gebe Schienenersatzverkehr nach Leipzig. Sie werde uns später begleiten. Dann geht sie fort und kommt nie wieder. Irgendwo hinter einem Ort namens Stumsdorf verstummt alles. Die Bahn steht still inmitten einer romantisch weißen Wüste. Man wisse nicht, wann es weiter geht, verkündet der Lautsprecher. Neben uns öffnen Frauen zischend kleine Sektflaschen. Sie loben das Postkutschen-Zeitalter. Wir schwatzen und die Zeit vergeht wie im Flug…weiterlesen hier: https://kenfm.de/tagesdosis/

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