Tagesdosis 16.1.2018 – Atomangriff auf Pearl Harbour?

Ein Kommentar von Dirk Pohlmann.

Für 38 Minuten lebten einige Bewohner von Hawaii am 13. Januar in Panik: sie glaubten, in wenigen Minuten im nuklearen Holocaust sterben zu müssen. Auf ihren Mobiltelefonen war aus dem Nichts eine Nachricht der Katastrophenschutzbehörde erschienen, die sie über anfliegende Raketen informierte, zusammen mit der Bekräftigung, dass es sich nicht um eine Übung handelte. Familien verkrochen sich zusammengedrängt in Badewannen, zogen Matratzen über ihre Köpfe, suchten verzweifelt provisorischen Schutz gegen die immense Zerstörungskraft eines Nuklearangriffs.

Es war ein Fehlalarm, angeblich hat jemand durch den Druck auf einen falschen Knopf die Fake News vom Raketenangriff verbreitet. Einen Tag später ist dies eine skurrile Medienmeldung, ein weiterer Punkt auf der immer länger werdenden Liste der atomaren Fehlalarme.

Es ist, wieder einmal, alles gut gegangen. Kein Grund zur Besorgnis also?

Im Gegenteil: Kein Anlass, dem System der nuklearen Abschreckung zu vertrauen. Es ist das Konstrukt von Hasardeuren, die für ihre Machtabsicherung und Machtprojektion bereit sind, Völker zu vernichten. Atomwaffen sind die Machtgrundlage der wichtigsten Staaten der Welt, dementsprechend verlogen und unwahrhaftig ist der Diskurs darüber.

Die Imperien wollen sich das Fundament ihrer Macht nicht durch wahrheitsgemäßes Denken beschädigen lassen. Aber genau das wäre die Aufgabe von Journalisten, die ihren Beruf ernst nehmen.

Zuerst einmal: Atomwaffen sind keine Waffen, sondern Massenvernichtungsmittel. Atomkrieg bedeutet nicht den zielgerichteten Einsatz von Waffen gegen militärische Ziele, sondern die Vernichtung von Städten, mitsamt allen Menschen darin, Männern, Frauen und Kindern. Das Ziel der Drohung des Einsatzes von Giftgas, Biowaffen oder Nuklearwaffen ist, durch Androhung eines totalen Massenmordes andere Mächte von militärischen Einsätzen abzuhalten.

Nüchtern betrachtet handelt es sich um eine Form des Terrorismus, also der Androhung größtmöglicher Brutalität, um politische Ziele zu erreichen. Die Tatsache, dass es nicht irgendwelche durchgeknallten, von Gott erwählt wähnenden Krieger sind, die mit dem Einsatz drohen, sondern Regierungen, eventuell auch noch durch Wahlen „demokratisch legitimiert“, macht die Sache nicht besser, im Gegenteil. Denn Regierungen haben nicht nur das Motiv, sie haben auch die Mittel, um schreckliche Verbrechen zu begehen.

Es handelt sich bei diesen Plänen, nüchtern betrachtet, um Staatsterrorismus. Aber befinden wir uns nicht im „Krieg gegen den Terror“? Müssten wir dementsprechend nicht alle Außenminister von Staaten mit Nuklearwaffen direkt nach der Landung auf unseren Flughäfen sofort von SEK Einheiten festnehmen lassen und in Hochsicherheitsgefängnisse sperren? Wenn Politik mehr mit Recht als mit Macht zu tun hätte, schon. Aber davon sind wir weiter entfernt, als vor der totalen Vernichtung der Menschheit.

Wir haben uns an die angedrohten Verbrechen gewöhnt. Unsere Gehirne wurden jahrzehntelang so gründlich gewaschen, dass Nuklearwaffen als Friedensgaranten gelten. Aber das ganze Konstrukt hat noch massivere Fehler als seine terroristische „moralische“ Grundlage.

Der Einsatz (besser Nicht-Einsatz) von Atomwaffen wäre nur dann potentiell beherrschbar, wenn ihr Einsatz nicht durch Fehlsteuerungen ausgelöst werden könnte. Die Geschichte des kalten Krieges lehrt uns, dass wir mehrfach kurz vor der Vernichtung standen, wegen Fehlalarmen, deren Adressat das Militär, nicht die Zivilisten von Hawaii waren.

Es geht nicht darum, dass das System fehlerarm sein muss. Es darf überhaupt keinen Fehler, also den Einsatzbefehl, produzieren. Ein System, dass im Versagensfall die größte Katastrophe aller Zeiten, eventuell sogar die Vernichtung der menschlichen Zivilisation, nach sich ziehen würde so lange aufrecht zu erhalten, bis es eben schiefgeht, wie alles, was Menschen gebaut oder bedient oder gemanagt haben – das ist heller Wahnsinn. Tschernobyl und Fukushima sind ein Beleg für die Verantwortungslosigkeit und Idiotie dieser Strategie.

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