Tagesdosis 11.09.2017 – Irma und Co: Die Ärmsten leiden am schlimmsten

Tagesdosis 11.9.2017 – Irma und Co: Die Ärmsten leiden am schlimmsten

Ein Kommentar von Susan Bonath.

Auf den Tag genau 16 Jahre nach 9/11 beherrschen nicht die Angriffe auf die Twin Towers mit Tausenden Todesopfern die Schlagzeilen. Man weiß ohnehin zumindest eins: Die offizielle Version von islamistischen Flugzeugentführern – die unvermeidliche »Bild« konnte es nicht lassen, sie erneut zu wiederholen – , gehört ins Reich der Mythen, Märchen und Propaganda.

Es ist der Wirbelsturm »Irma«, der die Titelseiten füllt. Weite Teile der Karibik hat die Naturkatastrophe in Schutt und Asche gelegt. Ausgestanden ist das längst nicht. Der nächste Hurrikan mit dem Namen »José« ist bereits im Anmarsch.

Kaum verwunderlich: Die Berichte im Mainstream konzentrieren sich auf den »Sunshine State« der USA: Ein Teil Floridas, Reich der Reichen und Schönen, ist verwüstet und überschwemmt. Luxushotels wurden evakuiert. Fotos zeigen Bewohner auf der Flucht auf verstopften Straßen. Was weit weniger Schlagzeilen wert ist: Der laut Meteorologen mit bis zu 300 Stundenkilometern stärkste Hurrikan, der seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gemessen wurde, war zuvor über weit ärmere Karibikinseln hinweggefegt.

Die Bewohner der kolonial zwischen Frankreich und den Niederlanden aufgeteilten Insel Saint Martin hat es besonders schwer erwischt. Fast die gesamte Infrastruktur inklusive Gebäude soll zerstört sein. Riesige Schäden verzeichnen die Behörden auch auf Barbuda und an der Nordküste Kubas. Im bettelarmen Haiti und in der Dominikanischen Republik hinterließ »Irma« glücklicherweise geringere Schäden, als befürchtet.

Egal, ob in Florida, Kuba, Barbuda oder Saint Martin: Es sind die Armen, die sich nicht in Hotels ihrer Wahl retten können. Hunderttausende von ihnen dürften vor den Trümmern ihrer ohnehin kläglichen Existenz stehen. Unser globales Wirtschaftssystem, welches das Ausplündern unseres Planeten und das Verursachen von materiellem Elend zynisch privatisiert, hat keine gesellschaftliche Antwort für sie parat.

Statt dessen nutzt die Journallie die Katastrophen für moralistisch abwertende Beigaben. Auf Saint Martin seien Plünderer unterwegs, heißt es. Mit Militär und Polizei will die französische Regierung gegenhalten. Die Lösung ist das kaum: Wo Menschen nichts haben als ihr nacktes Leben, bleiben Plünderer nicht aus.

Vom »kommunistischen Kuba« ist die Rede. Hier täte ein Seminar zur kubanischen Geschichte – vom Sturz des brutalen Unterdrückers Batista bis bis hin zu den westlichen Embargos gegen den Inselstaat – außerhalb staatstragender Indoktrinationsanstalten gut. Ja, wer versucht, sich dem Markt zu entziehen, bekommt die antikommunistische Keule. Mal abgesehen davon, dass »Kommunismus« per Definition inmitten des globalen Kapitalismus nicht möglich ist und auch von Kuba nicht praktiziert werden kann.

Hohn und Spott kippt der zur Mediengruppe RTL gehörende Sender n-tv über Boliviens Präsidenten Evo Morales aus. »Der Sozialist« vertrete »eine ganz besondere These«, heißt es. Gebe er doch »dem Kapitalismus und insbesondere den Treibhausgasausstößen der USA« die Schuld. Wie kann er nur, dieser Sozialist, der, mehr oder weniger erfolgreich, ein besseres Leben für 80 Prozent der bolivianischen Bevölkerung anstrebt.

Man kann darüber diskutieren, inwieweit aktuelle klimatische Veränderungen natürlich oder durch Menschen gemacht sind. Fakt ist: Private Unternehmen haben sich bei ihrer Jagd nach Profiten noch niemals um Umwelt und Opfer geschert. Dass sie für Verwüstungen ganzer Gebiete verantwortlich sind, ist so unbestritten, wie die Tatsache, dass systemimmanentes ewiges Wachstum in unseren Tagen an seine Grenzen stößt. Der Regenwald schwindet, jedes Jahr wird ein Prozent der Ackerflächen zur Wüste, in vielen Städten wird die Luft immer »dicker«. Das kann man auch ohne Studium wissen.

Wo Profite Überlebenszweck der Privatwirtschaft sind, spielen für Apostel heutiger Produktionsverhältnisse die Auswirkungen des Raubbaus auf das Klima keine Rolle. Nur die Flüchtlinge sollen bitteschön draußen bleiben und dort verelenden, wo sich die wahren Plünderungen am heftigsten auswirken. Man baut die Mauern einfach höher, macht weiter wie gehabt. Und die herrschende Klasse prostet sich zu: Ein Hoch auf die Armeen, die ihre Sicherheitspaläste in den Imperien vor Eindringlingen verteidigen. Menschen können erschossen werden, Wirbelstürme wie »Harvey«, »Irma« und »José«, nicht.

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