Tagesdosis 10.10.2017 – Ignoranz und Schein-Demokratie

Ein Kommentar von Sara Box.

Heute um 18:00h wird mit Spannung die Rede des Chefs der katalanischen Regionalregierung vor dem Parlament erwartet. Wie in zahlreichen Medienberichten nachzulesen wird eine Unabhängigkeitserklärung durch Carles Puigdemont „befürchtet“.

Insbesondere der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy- als zentraler Anführer der Gegnerbewegung einer Abspaltung der Region von Spanien- dürfte mit dieser „Furcht“-Prognose angesprochen werden.

Aber auch Ökonomen und Politiker aller Couleur „warnen“ vor einer Abspaltung. Hysterie und Hetze macht sich im Gegner-Lager breit.

Das am 1. Oktober stattgefunden Referendum wird von Rajoy als „rechtswidrig“ eingestuft. Er gab bei einer Pressekonferenz am selbigen Tag bekannt „es habe kein Referendum gegeben“, die Katalanen hätten an „einer illegalen Abstimmung teilgenommen“ und sollten ihren „Weg ins Nichts“ verlassen. Zudem dankte er dem Einsatz der Polizei, bei dem (ganz nebenbei) hunderte Menschen verletzt wurden. Die stellvertretende Regierungschefin Soraya Sáenz de Santamaria pflichtete ihm bei und stufte das polizeiliche Vorgehen als „verhältnismäßig“ ein. Die Abstimmung bezeichnete sie als „Farce“ und wiederholte den Satz ihres Chefs „Es hat kein Referendum gegeben“.

Maßlose Ignoranz und pure Eskalations-Rhetorik!

Wie das katalanische Gesundheitsministerium mitteilte wurden mehr als 840 Menschen bei diesem „verhältnismäßigen“ Einsatz verletzt.

Während die große Mehrheit der Katalanen am 1.Oktober friedlich auf die Polizisten zugingen, Lieder sangen und Blumen mitbrachten, schlugen Beamte brutal auf Bürger ein, die sich vor den Wahllokalen versammelt hatten, zum Teil wurden Gummigeschosse eingesetzt. Die Bilder und Videos dazu sind erschreckend und offenbaren die eindeutige Unverhältnismäßigkeit der Nationalpolizei und der paramilitärischen Einheit „Guardia Civil“, die Madrid zuvor nach Katalonien entsand hatte.

Nicht nur für jeden echten Demokraten ist es sichtbar: Wenn Menschen beginnen sich für Ihre eigenen Interessen der Gemeinschaft stark zu machen, werden sie fertig gemacht. Notfalls mit Gewalt- befehligt von den selbsternannten „Demokratie“-Verteidigern.

Kaum jemand unserer Volksvertreter in Amt und Würden verurteilte öffentlich dieses menschenverachtende Vorgehen der Madrider Zentralregierung. Stattdessen wird die Dramatik der Lage mit Phrasen relativiert, indem ein Martin Schulz die „Eskalation in Spanien“ per Twitter zwar als „besorgniserregend“ beschreibt, aber gleichzeitig hinterherschiebt, dass „Barcelona und Madrid sofort deeskalieren und den Dialog suchen“ sollten.

Bloß keine Farbe bekennen und sich immer schön bedeckt halten, indem man Opfer und Täter einfach gleichermaßen zur Ordnung ruft.

Der sozialistische Ex-Ministerpräsident Felipe Gonzales befürwortet öffentlich einen „kompromisslosen Kurs“ gegenüber Katalonien und verkündete in Berlin, dass er die katalanische Führung schon lange abgesetzt hätte.

Auch der Leiter der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid, Wilhelm Hofmeister, steht hinter der Zentralregierung Rajoys und prägt mit seinen Ausführungen ein Bild der Katalanen von ungezogenen, frechen und dreisten Kindern, denen man Pflicht und Ordnung beibringen müsse. So sprach er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk „wir sollten den Separatisten nicht auf den Leim gehen“ und bekräftigte die Dialogbereitschaft der spanischen Regierung in der Vergangenheit, die aber aufgrund des Beharrens der Katalanen auf ihre Unabhängigkeit nun beendet worden sei. Zum Beharren auf die starre Haltung von Ministerpräsident Rajoy, Neuwahlen oder ein Vermittlungsverfahren kategorisch auszuschließen, da die Einheit Spaniens „nicht verhandelbar“ sei,  äußerte sich Herr Hofmeister indes nicht.

In Bezug auf den Polizeieinsatz vom 1. Oktober betrauerte er nicht etwa die vielen hunderten Verletzten, sondern ärgerte sich darüber, dass nun „Bilder produziert“ worden seien, „die genau von der katalanischen Regierung intendiert“ gewesen seien „womit man die internationale Öffentlichkeit aufrühren konnte“. Zudem sprach er in diesem Zusammenhang von mangelndem “Geschick” der spanischen Zentralregierung…weiterlesen hier: https://kenfm.de/tagesdosis/

+++

KenFM bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Meinungsartikel und Gastbeiträge müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

+++

Alle weiteren Beiträge aus der Rubrik „Tagesdosis“ findest Du auf unserer Homepage: https://kenfm.de/tagesdosis/

+++

Dir gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten hier: https://kenfm.de/support/kenfm-unterstuetzen/

Startseite


https://www.facebook.com/KenFM.de
https://www.vk.com/kenfm

https://www.youtube.com/KenFM

KenFM.de

KenFM.de

KenFM ist ein freies Presseportal, eine Nachrichtenplattform, die bewusst das Internet als einziges Verbreitungsmedium nutzt, um das klassische Sendegebiet eines UKW Radios auf den ganzen deutschsprachigen Raum auszudehnen. Darüber hinaus agiert KenFM zunehmend im internationalen Rahmen: Unsere Beiträge werden bereits in verschiedene Sprachen übersetzt, englischsprachige Interviews finden in der Rubrik „KenFM-International“ ihren Platz. KenFM ist userfinanziert und somit auf die finanzielle Unterstützung der Community angewiesen. Wir verstehen KenFM daher auch nicht als unser Portal, sondern als das all derer, die uns mit ihrem Geld den Auftrag gegeben haben, im Dreck zu wühlen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Nicht embeddeter Journalismus aus Berlin. Finanziert durch den User! https://kenfm.de/unterstutze-kenfm



  • Kommentare zum Video

    Benachrichtigung
    avatar
    5000
    wpDiscuz