RUBIKON: Im Gespräch: „Die Zwangs-Maschinerie“ (Bertrand Stern, Linda Göcking, Birgit Assel)

RUBIKON: Im Gespräch: „Die Zwangs-Maschinerie“ (Bertrand Stern, Linda Göcking, Birgit Assel)

Die Zwangs-Maschinerie

Die Schulen dienen nicht der Bildung, sondern der Anpassung und Unterwerfung unserer Kinder. Ein Rubikon-Videointerview wider die Untertanenfabrik.

von Birgit Assel

Was ist Frieden? Frieden ist die Abwesenheit von Gewalt. So schlicht und einfach formulierte es einst der norwegische Friedensforscher Johan Galtung. Doch die Vorstellung, dass wir dann in Frieden leben, sobald wir keine direkte Gewalt durch eine bestimmte Person erfahren, ist ein Trugschluss.

Trotz aller modernen Errungenschaften sind viele Menschen, auch in Industriestaaten wie Deutschland, noch immer auf der Suche nach Frieden: Lebensratgeber, die „inneren Frieden“ und ein glückliches, friedlich-selbstbestimmtes Leben versprechen, erfreuen sich enormer Beliebtheit. Doch wie kann das sein, wo doch mittlerweile jedem von uns so viele Freiräume in der privaten Lebensgestaltung und Möglichkeiten der Selbstentfaltung offen stehen?

Stimmt die Aussage zu den Freiräumen und zur Selbstentfaltung denn wirklich so? Sind wir so frei, wie wir glauben? Dürfen wir uns tatsächlich frei entfalten!? Beim Zweifel an dieser (so leicht zu unterschreibenden) These setzt die Gesprächsrunde um Moderator Jens Lehrich, Traumatherapeutin Birgit Assel, Philosoph Bertrand Stern und Lehrerin L. Göcking an.

Wer darf „nein“ sagen?

Was ist, wenn ein Mensch „nein!“ sagt zu Schule, sich mit Händen und Füßen wehrt, weinend vor der Tür steht und nicht hinein möchte ins Klassenzimmer – aus welchen Gründen auch immer? So wie junge Menschen verpflichtet sind zur Teilnahme am Unterricht, so sind Lehrerinnen und Lehrer verpflichtet, den „Abtrünnigen“ irgendwie zum Schulbesuch zu bewegen.

Das heißt, vor allem jungen Menschen in unserer Gesellschaft steht offenbar nicht die Freiheit zu, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es möchten.

Strukturelle Zwänge

Dass tatsächlich die meisten Menschen diesen Zwang als etwas Gutes, Nützliches, ja sogar Förderliches ansehen, gehört dazu, wenn wir von struktureller Gewalt reden: Den Betroffenen ist ihre Gegenwart nicht bewusst, da sie als „Norm der Normalität“, so Stern, in den Köpfen fest verankert ist.

Und dann sei es eben auch normal, die Schulpflicht als gut, richtig und unabdingbar zu betrachten – auch wenn sie Zwang ist; auch wenn sie einige junge Menschen schwer belastet. Solange keine Alternative verfügbar ist, hat Widerstand wenig Sinn.

Angefangen bei U-Untersuchungen und Kita-Entwicklungsberichten bis hin zu zeitlich und räumlich vorgegebenem Schulunterricht: Wir haben kaum eine Wahl, mitmachen ist Pflicht. Und so kann es sein, dass Empfänger struktureller Gewalt tief in sich ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit spüren.

Die Mittel, die zur Verfügung stünden, sich zu wehren, werden kriminalisiert oder als unangebracht, unangemessen oder sogar „krank“ erklärt, sodass ein Ausweg schwer bis unmöglich erscheint. Tatsächlich wollen diesen Ausstieg aber auch die wenigsten, allein der Gedanke daran macht ihnen Angst.

Angst versus Vertrauen

Da ist zum Beispiel die Angst der Eltern, deren Kinder „nein“ zu Schule sagen – wie soll das gehen? Das geht doch nicht! „Die eigene Angst nicht zu übertragen auf die Kinder“, empfiehlt Birgit Assel. Denn Kinder wissen häufig noch recht klar, was sie wollen und was nicht – im Gegensatz zu uns Erwachsenen, die wir mitunter schon in unser Willensfähigkeit eingeschränkt wurden.

„Ich muss mich fügen, der Ausübende hat sicher Recht – nicht ich“, sind tief verinnerlichte Sätze. Hinzu kommt der überzeugte Glaube derjenigen, die die Gewalt ausüben: „Ich meine es ja nur gut mit dir, ich will doch nur dein Bestes!“

Doch warum wird strukturelle Gewalt einfach so hingenommen? Meist sind sich weder diejenigen, die daran beteiligt sind, sie auszuüben, noch diejenigen, die sie erleiden, ihrer bewusst.

Die Art der Einschränkung ist subtil und anonym – keiner kann dafür verantwortlich gemacht werden – die Zusammenhänge sind so komplex, dass kaum jemand sie durchblickt oder in Frage stellt. Strukturelle Gewalt umgibt uns, und sie funktioniert.

Was jedoch bei all dem auf der Strecke bleibt: Vertrauen in uns Menschen als Subjekte. Echter Frieden.

Weiterlesen: https://www.rubikon.news/artikel/die-zwangs-maschinerie

+++
Ihnen gefällt unser Programm? Informationen zu Unterstützungsmöglichkeiten finden Sie hier: https://www.rubikon.news/unterstuetzen.

Video-Bewertung
Rubikon Magazin
Rubikon ist das Magazin für die kritische Masse. Wir berichten über das, was in den Massenmedien nicht zu finden ist. Herausgegeben wird der Rubikon in Mainz, geschrieben wird er von unabhängigen Journalistinnen und Journalisten überall auf der Welt.