Precht vs Kluge | Komplexe Welt & Ratlose Menschen? (Diskussion)

Wir leben heute in der komplexesten Welt, die es je gab. Das globalisierte und digitalisierte Zeitalter liefert uns eine unüberschaubare Menge an Daten und Informationen. Doch je mehr wir wissen, umso weniger scheinen wir zu wissen, was wir tun sollen. Ist unser Leben heute so komplex geworden, dass wir es nicht mehr verstehen geschweige denn beherrschen können? Darüber spricht Richard David Precht mit dem Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge.

Angesichts der global über uns hereinbrechenden Konflikte wie etwa der Bewältigung der Flüchtlingskrise, der allgegenwärtigen Bedrohung durch Terror oder der Ohnmacht vor den immer unvorhersehbareren Verstrickungen im Finanzmarkt fühlen sich viele Menschen vermehrt überfordert, ratlos und vor allem verängstigt.

Auch unsere Politiker und andere Entscheidungsträger sind davon offenbar nicht ausgenommen. Alles hängt mit allem zusammen, sagt Büchner-Preisträger Alexander Kluge. Er sieht jedoch in krisenhaften Zeiten Chancen für positive Fortentwicklungen. Nur Gesellschaften, die sich selbstgenügsam abschotten, verfallen in Stagnation und Stillstand, so Kluge.

Viele flüchten sich in blinden Aktionismus, andere zeigen sich vermehrt für Verschwörungstheorien empfänglich. Der Verschwörungstheoretiker braucht das Gefühl, mehr zu wissen als alle anderen. So überwindet er seine Ohnmacht vor einer Welt, die er nicht mehr durchschaut, und die ihm zunehmend ungerecht erscheint.

Das Bedürfnis nach Vereinfachung ist verlockend und tröstend. So mancher zieht sich bereits vom offenen, ungeschützten Feld des Globalen in seine nationalistischen und privaten Festungen zurück. Doch auch in unserer ganz persönlichen Lebenswelt haben sich die Zusammenhänge potenziert. Mehr als in jeder Zeit zuvor verwischt sich heute das, was wir Realität nennen, untrennbar mit allgegenwärtigen Fiktionen. Die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit und Fiktion scheint immer unbedeutender zu werden, so Richard David Precht.

Die Illusion hat für uns heute annähernd den gleichen Reiz wie die Wahrheit, wenn sie nur unterhaltsam genug ist. Wir definieren uns immer weniger über unsere Persönlichkeit, sondern kreieren stattdessen fiktive Profile, legen User-Accounts an und vernetzen uns ins Unendliche. Stiftet das Netz Zusammenhänge oder verwirrt es nicht eher die Menschen? Aus dem Strom der unendlichen Daten und Meinungen droht ein Meer der Beliebigkeit zu werden, ein Ozean der Bedeutungslosigkeit.

Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Nach dem Abitur in Berlin studierte er Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Marburg und Frankfurt/Main (u. a. bei Theodor W. Adorno).

Als Assistent von Fritz Lang kam Kluge 1958 zum Film. 1962 war Kluge Mitinitiator des als Abkehr vom alten deutschen Film formulierten “Oberhausener Manifestes”. Mit seinem ersten, auch international erfolgreichen und ausgezeichneten Spielfilm “Abschied von gestern” (1966), gab er nach Kritikermeinung als Vordenker des Autorenkinos der Bewegung des Neuen Deutschen Films ein Motto und ein Meisterwerk. Vielbeachtet folgten u. a. “Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos” (1968) “Deutschland im Herbst” (1978 mit anderen Autoren), “Der Kandidat” (1980; über Franz Josef Strauß) und “Krieg und Frieden” (1982/83; über die Raketenkrise).

In den 1980er Jahren drehte Kluge Essayfilme wie “Die Macht der Gefühle” (1983; ZDF, 1985) und “Der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit” (1985; ZDF, 1988), die – wie auch die vorausgegangene Arbeit “Die Patriotin” (1979) – aus inszenierten und dokumentarischen Mosaiksteinchen zusammengesetzt wurden. Zwischen seinen Filmen publizierte er hochgelobte Romane, wie “Schlachtbeschreibung” (64), „Chronik der Gefühle“ (00) und zuletzt „Kongs große Stunde“ (15). 2003 wurde er für sein literarisches Schaffen mit dem Georg Büchner-Preis ausgezeichnet.

Zusammen mit dem Soziologen Oskar Negt schrieb Kluge “Öffentlichkeit und Erfahrung” (73) und “Geschichte und Eigensinn” (81). Seine Idee des “Herausgeber-Fernsehens” setzte Kluge mit der Gründung der Produktionsfirma DCTP (Development Company for Television Programs) um. Ab Mai 1988 sendet die mit einer eigenen nordrhein-westfälischen Sendelizenz ausgestattete DCTP, deren Geschäftsführer Kluge ist, ihr unabhängiges Programm auf RTL und SAT.1. Berühmt wurde Alexander Kluge mit seinen Interviews, in denen er Gesprächspartner befragt, die bisweilen, wie Peter Berling oder Helge Schneider fiktive Rollen einnehmen.

Buchtipps von Richard David Precht

Kongs große Stunde | Alexander Kluge | Chronik des Zusammenhangs | Suhrkamp Verlag, 2015

In seinem neuen Buch erstellt der Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge (gebroren 1932) eine „Chronik des Zusammenhangs“. Das Werk folgt damit auf die „Chronik der Gefühle“, die Kluge im Jahr 2000 vorgelegt hatte. Für Kluge sind Zusammenhänge in erster Linie Zusammenhänge in der Innenwelt, nicht in der Außenwelt. So gleitet der Text in dreizehn Stationen vorwärts auf der Bahn von Analogien zwischen Persönlichem und Fremdem, inneren Erlebnissen und äußeren Begebenheiten.

Hintereinandergestellt, aufeinander bezogen und ineinander verwoben bilden die Zusammenhänge ein Kaleidoskop von Gedanken, Fragmenten, Geschichten und Berichten. Einmal mehr erweist sich Kluge als ein Meister, der die Poesie des Herzens mit der Prosa der Verhältnisse zusammenbringt und das eine im anderen spiegelt. So wird aus Theorie Geschichte und aus Geschichte Theorie.

Die Ordnung der Dinge | Michel Foucault | Eine Archäologie der Humanwissenschaften | Suhrkamp, 2003

In diesem modernen Klassiker aus dem Jahr 1966 untersucht der französische Philosoph Michel Foucault (1926 bis 1984) die Denkschemata und Ordnungsstrukturen mit denen die Menschen seit der Renaissance bis ins 19. Jahrhundert die Welt gedanklich sortiert und „aufgeräumt“ haben. Dabei werden die Aufräumsysteme der Naturgeschichte, der Sprache und die Ökonomie parallel behandelt, so dass deren wechselseitige Beeinflussung und Prägung sichtbar wird. Für Foucault sind es die „Diskurse“, die das Wissen zuschneiden und bestimmen und es ist nicht die logische, vernünftige oder natürliche Entfaltung von Sachverhalten.

Wissenschaftsgeschichte, wie Geschichte überhaupt, erweist sich somit als eine Ansammlung von Geschichten, die sich nach der Maßgabe deutungs- und wirkungsmächtiger Diskurse strukturiert. Foucault exemplifiziert damit seine „Diskustheorie“ die die Grenze zwischen Geschichte (histoire) und Geschichten (discours) bewusst verschwimmen lässt.

Weisen der Welterzeugung | Nelson Goodman | Suhrkamp, 1990

Der US-amerikanische Philosoph Nelson Goodman (1906 bis 1998) untersucht in diesem Werk aus dem Jahr 1978, auf welch unterschiedliche Art und Weise Menschen sinnvolle Zusammenhängen bilden können und damit „Welten“ produzieren. Der Unterschied zwischen diesen Welten liegt nicht darin, dass es von Natur aus mehrere Welten gibt, sondern es gibt von Natur aus gar keine Welt.

Welt in dem Sinne, wie Menschen sie verstehen, entsteht aus einem Bedeutungsgefüge und aus sinnvollen Zusammenhängen. Sie ist damit abhängig davon, auf welche Weise jemand in einem Kontext Symbole gebraucht. So ist die Symbolwelt der Mathematik eine andere als die der Religion oder der Kunst. Wo Foucault einen historischen Spaziergang durch die Ordnung der Dinge macht, systematisiert Goodman die Ordnungssysteme, die uns dazu dienen, die Welt einzuteilen und zu erfassen.

Quelle, Text und weitere Informationen von Martin Möller/Werner v. Bergen: http://www.zdf.de/precht/precht-diskutiert-mit-alexander-kluge-ueber-die-komplexe-welt-ratlose-menschen-41878924.html

VideoGold.de

VideoGold.de

VideoGold.de ist seit 2007 das erste freie Videoportal Deutschlands, welches frei zugängliche Videos in Form von Berichten, Dokumentationen, Diskussionen, Filmen, Interviews, Livestreams, Musik-Videos, Serien, Trailer, Video-Clips und Vorträge in einer Mediathek vereint.



  • Kommentare zum Video

    Benachrichtigung
    avatar
    5000
    wpDiscuz