Ökonomie von Gut und Böse: Tomas Sedlacek | 3SAT Kulturzeit (19.01.2012)

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Tomas Sedlaceks “Ökonomie von Gut und Böse”: Das Paradoxe am Wachstum: Das Konzept der Ökonomie ist eine kulturelle Erscheinung, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Tomas Sedlacek. In seinem Buch “Die Ökonomie von Gut und Böse” stellt er heraus, wie tief die Ökonomie in der Kultur verwurzelt ist. Er nähert sich den großen Fragen der Wirtschaft über die Kultur.

Eleganz mathematischer Formeln, Schönheit einer klaren Beweisführung – die Mathematik ist objektiv und genau. Genau das macht sie für die Ökonomie so verführerisch. Die heiligen Regeln unseres Wirtschaftens sind abstrakt, aber das war nicht immer so.

Erst die moderne Ökonomie hat sich von der Moral entkoppelt. Es sind Annahmen und Modelle, denen wir fast alternativlos folgen. Kein Modell hat es geschafft, die jüngsten Krisen vorauszusehen. Unsere Ökonomen sind Hohepriester einer Religion des Fortschritts, der Wissenschaft und Technik und des fast manischen Glaubens an immerwährendes Wachstum.

Doch auch die Mathematik erzählt nur ihre Geschichten. Das Konzept der Ökonomie ist eine kulturelle Erscheinung, voll von Stereotypen, die der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek in seinem jüngsten Werk niederreißt. Wirtschaftslehre beginnt nicht mit Adam Smith, sondern bereits in den frühesten Geschichten der Menschheit, so seine These.

Die Idee des Fortschritts: Schon im Gilgamesch-Epos sind menschliche Beziehungen ein Störfaktor für Arbeit und Effizienz. Gilgamesch, Herrscher über die Stadt Uruk, braucht Arbeitskräfte zum Bau einer unbezwingbaren Stadtmauer. Die Freundschaft mit dem Wilden Enkidu aber bringt Gilgamesch auf neue Ideen. In der Natur entdeckt er Ressourcen, die seinen Wohlstand steigern.

Es geht um den Vorteil, wilde Kräfte zu nutzen, anstatt sie sinnlos zu bekämpfen. Erst im Alten Testament tritt die Idee des Fortschritts auf. Das Leben ist nicht länger ein ewiger Kreislauf, wir befinden uns auf dem Weg in ein noch nicht erreichtes goldenes Zeitalter.

Sieben wohlgenährte Kühe werden am Ufer des Nils von sieben mageren gefressen. Josef sieht darin Zeichen einer kommenden Hungersnot. Für Sedlacek ist der Plan Josefs antizyklische Fiskalpolitik. Josefs Konzept heißt: sparen in Zeiten des Überflusses, Rücklagen für die Jahre der Not.

Auch das Sabbatgebot erklärt Sedlacek ökonomisch: Sinn des Wohlstands ist es nicht, ihn ständig zu vergrößern, sondern die Gewinne zu genießen. Schon die Hebräer haben erkannt: Je mehr wir haben, desto mehr wollen wir auch. Heute wirtschaften wir nur um des Wachstums willen.

Pole der westlichen Kultur: Sedlacek sucht und findet klassische Mythen in der modernen Ökonomie. Den Mythos vom Homo oeconomicus, dem immerwährenden Fortschritt oder der Idee der unsichtbaren Hand des Marktes. Quer durch die Kulturgeschichte vergleicht er das Verhältnis von Nutzen und Moral – quasi auf einer Achse von Gut und Böse.

Sein Fazit: Die Ökonomie hat sich heute fast gänzlich von der Moral verabschiedet. Zwei Extreme stellt er auf: Immanuel Kant als Repräsentanten einer heiligen Moral und Bernard Mandeville als zynischen Vertreter einer von Lastern vorangetriebenen Gesellschaft. Zwei Pole der westlichen Kultur.

Bereits die Griechen stritten über den Lohn für gutes Handeln. Aristoteles und die Stoiker sahen die Belohnung für eine gute Handlung in der Richtigkeit der Handlung selbst. Epikur, der erste Hedonist, bemisst hingegen das Gute einer Handlung rein an ihrem Nutzen. Der Zweck heiligt die Mittel. Die Lehren des alten und neuen Testaments liegen irgendwo dazwischen.

Die Mainstream-Ökonomie ordnet Sedlacek noch hinter den Hedonisten an: Der freiwillige Verzicht zum Wohle des Ganzen ist der heutigen Wirtschaftsphilosophie völlig fremd. Die unsichtbare Hand soll es richten, persönliche Laster in Gutes umzuwandeln.

Unsere Ära könnte als Zeitalter der Schulden in die Geschichte eingehen. Schulden, nicht aus Mangel entstanden sind, sondern aus dem Übermaß. Unsere Gesellschaft leidet keinen Hunger – wir müssen ein anderes Problem lösen: Wie kann man jemanden, der satt ist, für ein Mahl interessieren?

Ökonomie von Gut und Böse: Tomas Sedlacek | 3SAT Kulturzeit (19.01.2012):
Ökonomie Gut Böse Tomas Sedlacek 3SAT Kulturzeit 2012

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