Moderne Sklaven in Europa – wer schuftet für unseren Wohlstand? | SWR Doku

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Moderne Sklaven in Europa – wer schuftet für unseren Wohlstand? | SWR Doku

Von schlimmen Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Asien oder Coltan-Minen im Kongo haben die meisten schon gehört. Aber auch mitten in Europa gibt es moderne Sklaven, die für unseren Wohlstand schuften müssen.
Wir alle sind Sklavenhalter. Das ist die Botschaft der Website slaveryfootprint.org. Als SWR-Autorin Birgit Borsutzky dort ihren persönlichen „Sklaverei-Fußabdruck“ ermittelte, bekam sie plakativ angezeigt: 52 Sklaven arbeiten für Sie! Das kann doch gar nicht sein – oder? Eine Spurensuche.

Arbeitssklaven werden mitten in Europa ausgebeutet
Da sind die afrikanischen Flüchtlinge in Süditalien, die bei der Tomatenernte 10 bis 14 Stunden am Tag arbeiten. Für drei Euro pro Stunde. Beschäftigt von „Caporali“ genannten kriminellen Mittelsmännern, die einen Teil dieses Lohns einbehalten, zum Beispiel für den Transport per Kleinbus und Verpflegung. Die Arbeiter sind frei zu gehen und doch gefangen – denn andere legale Arbeit bekommen sie nicht.

Die Landwirte in Apulien wiederum greifen gerne auf die billigen Erntehelfer zurück, weil sie selbst hart kalkulieren müssen: Die Preise, die Großhandel und Supermärkte für Tomaten zahlen, sind niedrig.
Fast 60 Prozent der nach Deutschland importierten Tomaten werden von Arbeitern hergestellt, die unter solchen oder ähnlichen Bedingungen leben, schätzt Yvan Sagnet, der selbst als Pflücker arbeitete und mit seiner eigenen Plantage und Vertriebsfirma gegen das System der Ausbeutung kämpft.

Wer am günstigsten produziert, bekommt den Auftrag
Auch in Serbien arbeiten moderne Sklaven. Sie produzieren Bekleidung und Schuhe für italienische und deutsche Unternehmen, darunter laut Mitarbeitern der „Kampagne für Saubere Kleidung“ auch viele Luxusmarken. Manch ein Schuh, der hier gefertigt wird, kostet im Laden knapp 400 Euro.

Spomenka Zivulovic hat am Fließband Schuhteile zusammengeklebt, bei einem ehemaligen Subunternehmer eines italienischen Schuhherstellers. Sie erzählt, dass die Beschäftigen Überstunden machen mussten, um überhaupt das geforderte Soll zu schaffen und trotzdem weniger als den Mindestlohn verdienten.

Zwei bis drei Tage Urlaub im Jahr
Unter normalen Bedingungen stünden ihnen 20 Urlaubstage zu. Zivulovic bekam zwei, drei Urlaubstage im Jahr – unbezahlt. Kamen die Kontrolleure, hätten die Arbeitssklaven sich im Lager oder in Autos verstecken müssen.

Was können wir als Konsumenten gegen solche Zustände tun? Fairtrade-Waren kaufen ist ein Ansatz, Textilsiegel wie der grüne Knopf sind ein zweiter. Aber die Verantwortung darf nicht nur bei uns Verbrauchern liegen, sagt Julia Otten von der Organisation Germanwatch: „Ich kann ja nicht im Detail den Einkauf eines Automobilkonzerns oder eines Energieversorgers beeinflussen, zumindest nicht so unmittelbar und direkt über meinen Konsum.“

Die Lieferketten vom Rohstoff bis zum fertigen Produkt sichtbarer zu machen, um die Zulieferer und Sub-Unternehmer besser kontrollieren zu können, halten Menschenrechts-Organisationen deshalb für eine wichtige politische Aufgabe.

In Frankreich gibt es bereits ein Gesetz, mit dem Unternehmen zur Verantwortung gezogen werden können, wenn zuliefernde Unternehmen Menschenrechte verletzen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) haben im Dezember 2019 angekündigt, Eckpunkte für ein solches Lieferkettengesetz für Deutschland zu formulieren.

Diese Doku von Birgit Borsutzky aus der SWR-Reihe „betrifft“ trägt den Originaltitel: Die Arbeitssklaven – wer schuftet für unseren Wohlstand?, Ausstrahlungsdatum: 2.02.2020. #swrdoku
Alle Aussagen und Fakten entsprechen dem damaligen Stand und wurden seitdem nicht aktualisiert.

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