Heiner Flassbeck- “Man könnte auch die Rating-Agenturen vollständig abschaffen” (Deutschlandradio)

Heiner Flassbeck- “Man könnte auch die Rating-Agenturen vollständig abschaffen” (Deutschlandradio Kultur/ 30.04.2010)

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UNCTAD-Chefvolkswirt Flassbeck: Lage in Griechenland wird völlig falsch bewertet

“Die Ratings von Ländern gehören nicht in die Hände irgendwelcher privater Agenturen, die unter dubiosen Umständen ihre Urteile fällen”, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck. Die Beurteilung dessen, was in einem Land passiere, sei viel zu komplex.

Marcus Pindur: Noch wird zwischen griechischer Regierung, IWF und Europäischer Zentralbank über das Sanierungspaket verhandelt und noch weiß keiner so genau, was Sache ist. 135 Milliarden Euro tief ist das Fass, in das wir alle einzahlen, sagt der eine. Der nächste sagt, man wisse es nicht so genau. Der dritte weiß dafür ganz genau, die Rating-Agenturen sind schuld, die mit ihren schlechten Vorhersagen haben die griechische Staatsverschuldung erst ins Unermessliche gesteigert. Aber wie geht man mit einem zahlungsunfähigen Staat um?

Wir sprechen jetzt mit Heiner Flassbeck, Chefökonom der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung und ehemals Staatssekretär im Bundesfinanzministerium unter Oskar Lafontaine. Guten Morgen!

Heiner Flassbeck: Guten Morgen.

Pindur: So viel zunächst zum Verfahren und zu den Rating-Agenturen. Schließt sich für Sie daraus, dass wir tatsächlich eine europäische staatliche Rating-Agentur brauchen?

Flassbeck: Ja, in der tat, absolut, denn vor allem die Ratings von Ländern gehören nicht in die Hände irgendwelcher privater Agenturen, die unter dubiosen Umständen ihre Urteile fällen. Das ist viel zu komplex und das ist viel zu umfassend, die Beurteilung dessen, was in einem Land passiert. Das sieht man jetzt an Griechenland. Sobald man das den Rating-Agenturen, der Börse oder dem Boulevard überlässt, wird es ganz schrecklich.

Pindur: Aber warum sollte denn eine staatlich kontrollierte europäische Rating-Agentur erfolgreicher sein? Zum Beispiel die Aufweichung der Euro-Kriterien geschah ja gerade durch die Mitgliedsstaaten des Euro. Das fing ja unter der Regierung Schröder an, als sich Deutschland und Frankreich gegenseitig einen Persilschein ausstellten.

Flassbeck: Na ja, das will ich mal dahingestellt sein lassen. Mit dem Persilschein, das ist auch eine der Geschichten, die immer wieder erzählt wird. Aber gut! Ich bin ganz klar der Meinung, dass wir unabhängige Rating-Agenturen brauchen, die nicht bezahlt werden vom Schuldner und auch nicht von der anderen Seite.

Jetzt ist es ja so, dass jemand, der ein Papier vergibt, wie das Goldman Sachs zum Beispiel gemacht hat in dem Fall, der jetzt vor amerikanischen Gerichten verhandelt wird, der bezahlt die Rating-Agenturen, der hat natürlich ein Interesse, ein tolles Rating zu kriegen, weil nur darüber kann er das Ding verkaufen. Die deutsche Industriekreditbank hätte diesen Mist ja nie gekauft, wenn nicht die Rating-Agentur AAA draufgeschrieben hätte. Also das ist ganz klarer Interessenkonflikt, der da entsteht, und das darf nicht weiter passieren.

Pindur: Da haben also auch die Banken geschlampt, die das gekauft haben. Die haben sich einfach blind darauf verlassen, was diese Rating-Agenturen vorgegeben haben.

Flassbeck: Ja, das tun die üblicherweise blind. Die sind natürlich glücklich. Der Bankvorstand sagt dann, ja, was willst du da jetzt noch ein eigenes Urteil dir entwickeln, wenn da AAA draufsteht von der Rating-Agentur, dann musst das ja gut sein.

Man könnte auch die Rating-Agenturen vollständig abschaffen, auch in allen gesetzlichen Verordnungen und sonst was bei der Bankenaufsicht, dann hätten die Banken die Pflicht, wenn sie schärfer reguliert werden, auch selbst hinzugucken und sich zu überlegen, was in dem Produkt drinsteckt. Das ist auch eine Möglichkeit…

Quelle: http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/interview/1173927/


Zur Person:

Heiner Flassbeck (* 12. Dezember 1950 in Birkenfeld, Nahe) ist ein deutscher Wirtschaftswissenschaftler. Er war von 1998 bis 1999 beamteter Staatssekretär im Bundesministerium der Finanzen und ist ein führender Vertreter der nachfrageorientierten Wirtschaftspolitik in Deutschland.

Seit November 2000 ist er Chef-Volkswirt (Chief of Macroeconomics and Development) bei der UNO-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD) in Genf.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Heiner_Flassbeck


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