Claudia Barth: Esoterik und Irrationalismus in der Postmoderne (Interview)

Seit den 90er Jahren wenden sich immer mehr Menschen irrationalen Weltdeutungen zu. Spiritualität soll aus Krisen helfen, die eine materialistische Welt produziert. Doch die esoterische Irrationalität ist nicht nur Flucht statt Lösung, sondern auch gefährlich anschlussfähig für rechte Weltbilder, wie die Geschichte zeigt. Zu Wort in dieser Sendung kommen unter anderem die Sozialpsychologin und Autorin Claudia Barth und Theodor W. Adorno.

Der Begriff Esoterik stammt aus dem altgriechischen esoterikós, was “innerlich” oder “nach innen gerichtet” bedeutet und bezeichnete zunächst geheime Lehren. Die heutige Bedeutung deckt sich weitgehend mit dem moderneren Begriff New Age oder neuer Okkultismus. Der Begriff Esoterik bezeichnete früher Riten und Gebräuche innerhalb geschlossener Kultverbände, die Außenstehenden weitgehend verborgen blieben und vor diesen geheim gehalten wurden. Er steht heute für eine große Zahl recht unterschiedlicher Lehren und Weltanschauungen, denen Annahmen zugrunde liegen, nach denen eine wissenschaftliche, rationale Beschreibung der Welt unmöglich sei. Dem entsprechend haben esoterische Lehren eines gemeinsam: Sie sind nicht überprüf- oder falsifizierbar, werden aber mit Absolutheitsanspruch vertreten. Eine einheitliche und von allen Seiten anerkannte Esoteriklehre gibt es nicht und wird in der Szene auch nicht angestrebt.

Mit Bezeichnungen wie Esoterik, New Age und Okkultismus werden besondere, nicht-religiöse Erkenntniswege und Handlungsformen zusammengefasst, in denen die Rolle der individuellen, subjektiven, oft außergewöhnlichen Erfahrung betont wird, die sich einer rationalen Mitteilbarkeit und vor allem einer intersubjektiven Überprüfbarkeit entzieht. Die Esoterik geht von bestimmten spirituellen Eigenschaften des Einzelnen aus, deren Beschreibungen in den allermeisten Fällen als nicht wissenschaftlich falsifizierbare Äußerungen zu verstehen sind. Dennoch wird manchmal auch von Vertretern esoterischer Lehren ein Anspruch auf wissenschaftliche Überprüfbarkeit bei einzelnen Fragen erhoben, was in der Regel zu pseudowissenschaftlichen Argumentationsversuchen führt. Ein auffälliges Merkmal bei Esoterikern ist außerdem der unreflektierte Gebrauch von Wörtern und Begriffen, die aus anderen Wissensgebieten entlehnt werden, häufig aus den Naturwissenschaften.

Ein verbindendes Element vieler esoterischer Lehren ist der Anspruch auf die Wahrheit zu Schlüsselfragen der Menschheit. Sie behaupten ein Wissen um “höhere Mächte”, um Vergangenheit und Zukunft der Menschheit, und enthalten Versprechungen zu Aufstiegen in höhere Sphären oder zu höheren Erkenntnissen, die aber Nichteingeweihten verwehrt bleiben. Nebenbei stellt diese Beschränkung von Wissen auf Eingeweihte das genaue Gegenteil eines wichtigen Prinzips von Wissenschaft dar: Dort steht eine gute Idee grundsätzlich allen Menschen zur Verfügung und nicht nur einem erlesenen Kreis.

Die Esoterik bezieht einen Teil ihrer Verführungskraft aus narzisstischen Bedürfnissen: Wer will schon nur ein Lidschlag der Evolution oder ein “Nanopartikel” in einem unbegreiflichen und unendlichen Universum sein, wenn er beispielsweise seine Geburt und sein Schicksal als mit kosmischer Bedeutung aufgeladenes Einzelereignis interpretieren kann? Sorgen um eine prinzipiell nicht vorhersagbare Zukunft rufen nach einer höheren Instanz, die sagt, wo es langgehen soll. Ein weiterer Teil der Anziehungskraft mag daher kommen, dass die Welt schwer zu verstehen ist und etablierte Wissenschaften kompliziert und anstrengend sind. Eine Beschäftigung mit Esoterik kann einem dagegen den schmeichelhaften Eindruck vermitteln, alles zu verstehen, zu durchschauen und mit Sinn versehen zu können.

Die menschliche Seele wird häufig als unsterblich bezeichnet, das Schicksal des Einzelnen als vorbestimmt. In esoterischen Praktiken und Lehren konzentriert sich die Sehnsucht vieler Menschen nach etwas Geheimnisvollem, das sich hinter der banalen materiellen Welt verberge. Eine Kommunikation mit andern Menschen oder gar mit “höheren Wesen” oder mit Verstorbenen z.B. sei auch auf Wegen möglich, die zusätzliche “Kanäle” zu den fünf Sinnen des Menschen voraussetzen. Solche Phänomene stellen für Esoteriker kein logisches Problem dar, da die bekannten Naturgesetze ja aus ihrer Sicht zu beschränkt zur Erklärung der Welt sind.

Gekürzte Radio Z Sendung vom 01.12.2011
Claudia Barth: Esoterik und Irrationalismus in der Postmoderne Radio Z Sendung vom 01.12.2011 (Interview):
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