Als Rostock-Lichtenhagen brannte (Dokumentation 2012)

Es waren ganz normale Bürger aus Rostock-Lichtenhagen, die im Sommer 1992 ihrem aufgestauten Hass und Frust Luft machten. Hass auf die ZASt, die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber, die mitten in ihrem Wohnviertel lag, und Frust über die Untätigkeit der Politiker in Stadt und Land, die die Anwohner seit Monaten mit Floskeln abspeisten.

Polizei entsetzt, überfordert, hilflos: Tagelang rannte eine entfesselte Menge gegen die Aufnahmestelle für Asylbewerber und ein Ausländerwohnheim an. Ein beispielloses Fiasko für Politik und Polizei. “Das ist ein Bürgerkrieg hier! Das Gefühl hatten wir damals.” Guido Nowak war Streifenpolizist in Rostock. Er hatte die Eingliederung der Volkspolizei in die Länderpolizei miterlebt. Als die Krawalle am 21. August 1992 losbrachen, stand Nowak in leichter Sommeruniform und mit veralteter DDR-Ausrüstung in der vordersten Reihe: entsetzt, überfordert, hilflos.

Mafalda Hohlfeld, die in einer Wohnung im einst begehrten Sonnenblumenhaus lebte, erkannte ihr eigenes Viertel nicht wieder: “Es prallten zwei Kulturen aufeinander – mit Wut und Unverständnis auf beiden Seiten. Und die Politik hat nichts unternommen. Wir konnten es einfach nicht verstehen, wie man solche Zustände zulassen kann.” – “Da braut sich was zusammen.” Mitverantwortlich dafür war Winfried Rusch, Abteilungsleiter für Ausländerfragen im Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern. Die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber fiel in seine Zuständigkeit. Doch auf die drängenden Bitten, die Flüchtlinge anderswo unterzubringen, reagierten weder das Land noch die Stadt.

Erst am dritten Tag der Ausschreitungen ordnete Rusch die Räumung der ZASt an. Viel zu spät: “Man hätte das viel eher entscheiden müssen. Doch ich habe anders entschieden. Das tut mir heute leid, aber ich habe damals das getan, was ich für richtig hielt.” Wolfgang Zöllick, damals stellvertretender Oberbürgermeister der Hansestadt und Bewohner Lichtenhagens: “Wir haben gemerkt, da braute sich was zusammen. Aber wir sind mit der Situation nicht fertig geworden. Und dann war es in dieser vertrackten Situation so: Wer ist jetzt wofür zuständig?” Weder in Schwerin noch in Rostock sahen sich die Politiker in der Verantwortung, den Sprengsatz Lichtenhagen zu entschärfen.

Eine Chance für Rechtsradikale: Die Fernsehbilder zogen auch Rechtsradikale an, die in Lichtenhagen ihre Chance witterten. Der Neonazi Ingo Hasselbach, später der bekannteste Aussteiger, sah seine Erwartungen übertroffen: “Das war ein sehr merkwürdiges Gefühl für mich. Ich dachte, das gibt es doch nicht: Der normalste Bürger von nebenan, die Frau, die drüben einen Gemüseladen hat, alle standen da und applaudierten! Wie eine verkehrte Welt.” Die einzig gute Nachricht an der quälenden Geschichte der Krawalle von Lichtenhagen: Wie durch ein Wunder ist am Ende kein Mensch dabei umgekommen.

Als Rostock-Lichtenhagen brannte (Dokumentation 2012):
Rostock-Lichtenhagen Dokumentation 2012

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